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Pin Up Fotografin Yvonne Sophie Thoene DSC 4843

Von Curvy, Pin-up & Burlesque: Diese Frau versteht es Kurven in Szene zu setzen

Auf den ersten Blick scheint es widersprüchlich, auf den zweiten ein faszinierender Mix: Dr. Yvonne Sophie Thöne ist studierte Theologin und promovierte Alttestamentlerin. Ihre Liebe zur Fotografie macht sie zum Beruf und ist seit 2018 als Mode- und Portrait-Fotografin selbständig. PlusPerfekt sprach mit ihr über ihre Leidenschaft zur Pin-up- und Burlesque-Fotografie.   

Bei klassischen und vielen älteren Pin-ups werden Frauen oft als sehr tollpatschig und unschuldig dargestellt. So möchte heute kaum eine Frau wirken. Trotzdem behalten Pin-ups für viele ihre Faszination und sind trotz feministischerem Frauenbild sehr beliebt.

Yvonne, findest du das geht zusammen, Pin-up und Feminismus?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Ich verstehe mich als Feministin und bin froh, dass wir Frauen heutzutage quasi alles sein können, was wir wollen – Anwältin, Kernphysikerin, Schreinerin, Mechatronikerin, Ärztin – warum also nicht auch mal eine verführerische Backfee oder eine chaotische Chemielaborantin? Ich finde es toll, dass man vor der Kamera spielerisch in andere Rollen schlüpfen kann; das darf dann auch ruhig mal etwas augenzwinkernd sein. Der Witz und die Tollpatschigkeit gehören zum klassischen Pin-up-Genre einfach dazu. Deswegen explodiert dann zum Beispiel das Chemielabor meiner Pin-up-PTA oder die Feuerwehrfrau spritzt sich versehentlich selbst mit ihrem Schlauch nass. Ich finde es wichtig, dass man das Leben und sich selbst nicht immer so ernst nimmt und auch über sich lachen kann. Deswegen sind Pin-ups wahrscheinlich bis heute noch so beliebt: Sie sind bunt und sexy und voller Leichtigkeit und Humor.

Du bist Theologin und neben Mode- und Portrait-Fotografin auch Spezialistin für Pin-up/Burlesque-Fotografie. Auf den ersten Blick scheint das recht widersprüchlich. Wie kam es zu diesem Jobwechsel?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Ich hab tatsächlich zehn Jahre lang an der Uni als Theologin in Lehre und Forschung gearbeitet. Ich bin promovierte Alttestamentlerin und das Alte Testament ist sehr diesseitig, voller Texte über Liebe und Hass, Freundschaft und Loyalität, Krieg und Intrigen – und im Hohelied, jenem Text, der Gegenstand meiner Promotion war, stehen menschliche Lust und Leidenschaft im Mittelpunkt. Insgesamt würde ich das Alte Testament als sehr körperorientiert beschreiben. Damit sind wir ja schon recht nahe an meiner Art der Fotografie. Generell muss man auch sagen, dass nicht die Bibel körper- und lustfeindlich ist, sondern derartige Interpretationen haben sich erst in der jahrhundertelangen Auslegungsgeschichte ergeben und zementiert. Leider.

Ich habe übrigens schon 2016 noch während meiner Uni-Zeit begonnen, nebenberuflich als Fotografin zu arbeiten. Anfang 2018 habe ich dann – nachdem meine Projektstelle ausgelaufen war -, den Sprung ins kalte Wasser gewagt und mich hauptberuflich als Fotografin selbstständig gemacht. Ich liebe es, so kreativ arbeiten zu können!

Du fotografierst Frauen und Männer mit den unterschiedlichsten Körpern oft leicht oder provokant gekleidet. Einige davon bestimmt auch Anfänger|innen. Gibt es Tricks, die den Models helfen sich vor der Kamera sexy zu fühlen und das auch zu zeigen?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Mir ist es wichtig, schon im Vorfeld und überhaupt mit meiner Arbeit zu vermitteln, dass es eine Vielfalt von Körperformen gibt und dass diese alle wunderbar sind. Ich arbeite ja sehr viel mit Curvy Models zusammen, was dann wiederum Kundinnen mit mehr Rundungen ermutigt, sich vor meine Kamera zu stellen bzw. zu legen. Ich zeige aber auch schlanke Körper. Kleine Brüste, große Brüste, feste Hintern, weiche Hintern, flache Bäuche, gewölbte Bäuche … ist doch alles wunderschön! Im Vorfeld bespreche ich dann mit den Kund|innen ihre Wünsche und Vorstellungen, erfahre, was sie besonders schön an sich finden und was ich auf den Fotos betonen werde.

Eine Regel lautet: Was für dich bequem ist, sieht auf Fotos meist nicht gut aus. Das heißt, wenn ich schluffig-schlaff auf dem Chaiseloungue hänge, sieht das nicht ästhetisch aus. Gut ist es, alles leicht zu biegen, was zu biegen geht: Ein leichtes Hohlkreuz zu machen, um die Kurven zu betonen, dabei die Schultern nach hinten und unten ziehen, auch Arme, Beine, Finger und Gelenke nicht gerade und steif, sondern leicht und gefällig angewinkelt. Klingt anstrengend? Ja, ein Fotoshooting ersetzt ein kleines Workout. Gerne mache ich auch Posen vor und räkele mich auf dem Sitzmöbel. Und im Zweifel hilft auch immer ein Gläschen Sekt zum locker werden. 😉

Ein ganz praktischer Tipp noch: Vor dem Shooting keine einschneidenden Socken und enge Kleidung tragen, das hinterlässt unschöne Abdrücke. Also ruhig im Jogging-Outfit kommen.

Du shootest auch Männer in Pin-up-Posen. Ist das ein von dir gesetzter Trend, oder kennt man das auch von früher?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Aus den 1940er und 1950er Jahren, der Hochzeit für Pin-Ups, ist mir dieser Trend nicht bekannt. Allerdings spielt der Designer Jean-Paul Gaultier mit seinen Male Models im Matrosenlook mit dem „Sexy Sailor-Klischee“. Das hat mich zu den ersten Bildern mit meinem Mann im Matrosenlook inspiriert. Es folgten dann noch ein süßer Cowboy und Baseballspieler mit einem Plussize Male Model, was auch auf RTL gezeigt worden ist. Nun soll eine ganze Serie daraus werden.

Was machst du bei einem Mann anders, als bei einer Frau, wenn du das Pin-up inszenierst?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Bei der eigentlichen Inszenierung eigentlich nicht viel. Der Typ Mann muss einfach passen – von der inneren Haltung her. Mit jemandem, der sich als holzhackendes Testosteron-Bündel versteht, wird solch ein Shooting nicht funktionieren. Stattdessen muss es ein humorvoller Mann sein, der Lust auf spielerischen Rollenwechsel hat und sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Neben Pin-up spielt Burlesque ein großes Thema bei dir. Was ist der Unterschied zwischen Burlesque und Pin-Up?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Ein Pin-up ist wie das hübsche Mädchen von nebenan; es ist sexy und frech, manchmal ein bisschen tollpatschig, aber immer anständig. (Eine Ausnahme bilden hier Pin-Ups in der Tradition von Bettie Page, jener im BDSM-Kontext angesiedelten schwarzhaarigen Lady mit Peitsche.) Pin-Up ist bunt, witzig und leicht.

Im Burlesque ist die Protagonistin offen erotisch und verführerisch, natürlich auf eine stilvolle Weise. Das Wort „Burlesque“ leitet sich übrigens vom italienischen Wort burla, „Schabernack“ ab. Solch ein erotischer „Schabernack“ findet dann auf der Bühne statt, wenn sich die Künstlerin ihres Showkostüms nach und entledigt. In der Regel entkleiden die Künstlerinnen sich aber nicht vollständig, zum Beispiel bleiben oft die Brustwarzen mit sogenannten Pasties – glitzernden Aufklebern mit kleinen Troddeln – bedeckt. Alles ist etwas düsterer, glamouröser und mehr lady-like als im Pin-Up-Genre. Es vermischen sich Melancholie, Spaß und Erotik; Burlesque ist eine Parodie auf die Nostalgie, welche zugleich zelebriert wird und eine Parodie auf Striptease und Fetisch, womit sie zugleich in extenso spielt.

Wie kann ich mir als Laie ein Pin-up oder Burlesque-Shooting vorstellen? Wie läuft das in der Regel ab?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Ich empfehle immer für ein optimales Bildergebnis eine Visagistin zu buchen, da die entsprechenden Frisuren und Make-up-Looks doch sehr speziell sind und einiges an Übung und Geschick erfordern. Insofern beginnt dann solch ein Shooting erstmal mit anderthalb bis zwei Stunden Wellness und betüddeln lassen durch Haare eindrehen und schminken. In der Zeit kann ich die Kundin, das Model auch schon ein bisschen kennenlernen. Dann schauen wir nach den Outfits: Was hat die Kundin mitgebracht, was passt aus meinem Fundus? Mit welchen Accessoires kann der Look ergänzt werden, etwa mit einem Federschmuck, einer schönen Kette oder Handschuhen. Dann geht es mit einem Lichttest im Set los gefolgt vom eigentlichen Shooting. Dabei gebe ich gerne Tipps zum Posing und zur Mimik. Hilfreich sind ebenfalls Bilder von guten Beispielen, also klassische Pin-up-Zeichnungen oder Fotos von der Burlesque-Künstlerin Dita von Teese, die man sich als Posing-Inspiration nehmen kann. Ich gebe auch viel Feedback und zeige der Kundin immer mal wieder Ergebnisse auf meinem Kameradisplay.

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Kann man einige dieser Tipps auch in den Alltag einfließen lassen, um das Selbstbewusstsein zu pushen?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Oft ist es so, dass schon das Shooting als solches und die anschließenden Ergebnisse das Selbstbewusstsein steigern. Du entdeckst, was noch alles für neue Seiten in dir schlummern. Dass abseits vom schnöden Alltag in Büro und Haushalt eine verführerische Femme Fatale, eine glamouröse Diva, ein freches Pin-up Girl in dir steckt. Die Erfahrung, dass auch du aussehen kannst wie ein Model ist toll und lässt dich gestärkt durchs Leben gehen. Und natürlich gibt es auch noch praktische Tipps zu Körperhaltung und Ausdruck, die du mit nach Hause nimmst. Manche meiner Kundinnen bezeichnen ein Shooting bei mir als „Fototherapie“, das finde ich super.

Woran erkenne ich einen guten Pin-up/Burlesque-Fotografen? Worauf sollte ich unbedingt achten?

Dr. Yvonne Sophie Thöne: Das A und O einer jeden Fotograf|in ist das Portfolio. Schau auf der Homepage oder dem Instagram-Kanal – sind das die Bilder, die meinen Vorstellungen entsprechen, kann ich mich selbst in den gezeigten Rollen vorstellen? Gibt es darüber hinausgehend weitere Referenzen, wie zum Beispiel Veröffentlichungen, die für die Professionalität der Fotograf|in sprechen? Gut ist es auch, verschiedene Fotograf|innen miteinander zu vergleichen und dabei kann es sich durchaus lohnen, auch mal weitere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen. Denn so ein Foto fängt ja den Moment für immer ein und soll eine wertvolle Erinnerung sein; da sollte man nicht an der falschen Stelle sparen.

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