Innerer Frieden statt Weihnachtsstress: So kommst du zur Ruhe, wenn alles lauter wird

Weihnachten gilt als das Fest der Liebe, doch für viele Menschen ist es vor allem eines: eine Phase innerer Anspannung. Der Dezember ist prall gefüllt mit Terminen, Erwartungen und mentalen To-do-Listen. Zwischen Geschenkekauf, Familienbesuchen und dem Jahresendspurt im Job verlieren viele das, worum es eigentlich geht: innere Ruhe, Verbindung und echte Präsenz.

– Nur noch schnell einen Anruf erledigen | Credit: Freepik – 

In dieser besonderen Zeit des Jahres scheint die Kluft zwischen dem äußeren Anspruch und dem inneren Bedürfnis größer denn je. Der Wunsch nach Stille wächst, aber der Druck, alles richtig zu machen, wächst mit. Dabei muss es keinen Verzicht auf Rituale geben, um gelassener zu bleiben. Vielmehr geht es um eine Haltung, die unabhängig vom Außen wirkt.

Wie dieser innere Frieden konkret entstehen kann, was unser Nervensystem damit zu tun hat und warum Konzepte wie Non-Dualität eine neue Perspektive eröffnen, das haben wir Rosa Koppelmann gefragt. Sie ist Mentorin für nonduales Bewusstsein*. Ihre Antworten und Anregungen sind nicht als Ratgeber im klassischen Sinne zu verstehen, sondern vielmehr als eine Einladung zum Innehalten.

Rosa Koppelmann, Mentorin für nonduales Bewusstsein und Autorin | Credit: Raisa Zwart
Mentorin und Autorin Rosa Koppelmann | Credit: Raisa Zwart

Was bedeutet innerer Frieden und warum fehlt er uns gerade jetzt?

Innerer Frieden ist kein Zustand, den man erreicht und dann abhakt. Es ist ein Erleben, das entsteht, wenn Spannung aus dem System weicht. Psychologisch lässt sich dieser Zustand als „kohärente Selbstwahrnehmung“ beschreiben. Der Mensch fühlt sich mit sich selbst in Einklang, die Gedanken kreisen nicht im Alarmmodus, das Nervensystem reguliert sich auf natürliche Weise. Gerade in der Vorweihnachtszeit wird dieser Zustand seltener. Warum?

Erhöhte soziale Dichte
Weihnachtsmärkte, Familienbesuche, Arbeitsessen – unsere sozialen Interaktionen steigen deutlich.

Mentale Überforderung
Planungen, Geschenke, emotionale Erinnerungen, Termine – viele Systeme laufen im Dauer-Scan.

Unbewusste Rollenmuster
Alte familiäre Prägungen werden reaktiviert. Wir funktionieren – statt zu fühlen.

Neurowissenschaftlich betrachtet befindet sich das Nervensystem vieler Menschen im Dezember in einem Zustand erhöhter Vigilanz. Das bedeutet, der Sympathikus, unser „Aktivierungszweig“, bleibt über längere Zeit aktiv. Ruhe, Verdauung, Regeneration oder emotionale Verarbeitung kommen zu kurz. Der Körper bleibt auf Standby, auch wenn wir still sitzen. Innere Ruhe entsteht jedoch nicht durch äußere Pause, sondern durch innere Erlaubnis.

Zugang 1: Nervensystem verstehen und beruhigen

Der wichtigste Schlüssel zum inneren Frieden liegt in einem regulierten Nervensystem. Unser autonomes Nervensystem ist wie ein inneres Frühwarnsystem. Es entscheidet blitzschnell, ob eine Situation sicher oder gefährlich ist, oft unabhängig von unserem bewussten Denken.

Wie funktioniert das?

Vagusnerv-Aktivierung
hilft, vom Stressmodus (Sympathikus) in den Ruhezustand (Parasympathikus) zu wechseln.

Interozeption
(das bewusste Spüren innerer Körperzustände) unterstützt emotionale Selbstregulation.

Kohärenz
zwischen Atmung, Herzfrequenz und Gedankenmuster stabilisiert unser Erleben.

Was hilft konkret?

1-Minuten-Check-ins
Mehrmals täglich innehalten und fragen: Wie fühlt sich mein Körper gerade an?

Atemübungen
Länger aus- als einatmen (z. B. 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus).

Sanfte Bewegung
Spazieren ohne Ziel, Dehnen, intuitive Bewegung als Ventil.

Berührung und Wärme
Selbstkontakt (Hand auf Herz), Wärmflasche, heiße Dusche – Reize, die Sicherheit signalisieren.

Der Vorteil dieser Methoden: Sie brauchen keine äußere Ruhe. Sie wirken auch mitten im Trubel. Denn wenn das Nervensystem sich sicher fühlt, muss der Mensch weder aus dem Raum, noch aus sich selbst fliehen.

Zugang 2: Emotionale Klarheit statt Verdrängung

Viele Menschen versuchen, unangenehme Gefühle während der Feiertage zu unterdrücken. Sie wollen „funktionieren“, Harmonie herstellen, keine Konflikte provozieren. Doch unterdrückte Emotionen verschwinden nicht. Sie verlagern sich oft in körperliche Symptome, Spannungszustände oder Erschöpfung.

Wie entsteht emotionale Klarheit?

Durch bewusstes Spüren statt Analysieren.
Durch das Erlauben widersprüchlicher Gefühle.
Durch das Erkennen alter Muster und Reaktionen.

Was kann helfen?

Ein Gefühlsprotokoll
Abends 3 Minuten notieren: Was habe ich heute gefühlt? Was davon durfte nicht sichtbar sein?

Raum geben statt bewerten
Wenn Angst, Wut oder Traurigkeit auftauchen, nicht wegerklären, sondern bewusst wahrnehmen und akzeptieren, dass es gerade so ist, wie es ist.

Sprache finden
Sich selbst oder anderen mitteilen: „Ich bin gerade überfordert“ statt „Alles gut“. Diese Form der Selbstbegleitung verändert nicht sofort die äußeren Umstände. Aber sie verändert das Erleben. Wer seine Gefühle nicht mehr als Bedrohung empfindet, braucht sie auch nicht zu bekämpfen.

Zugang 3: Non-Dualität und die Erfahrung von Ganzheit

Non-Dualität bedeutet wörtlich: Nicht-Zwei. Kein Getrenntsein. Kein Entweder-Oder. In der Erfahrung nondualen Bewusstseins liegt ein tiefer Frieden, nicht weil Probleme verschwinden, sondern weil sich die Trennung zwischen „Ich“ und „dem, was geschieht“ auflöst. Gerade in der Weihnachtszeit kann dieser Blick helfen, sich aus mentalen Schleifen zu lösen: dem Zuviel, dem Nicht-genug, dem Vergleich.

Wie zeigt sich nonduales Erleben im Alltag?

Nicht alles bewerten,
sondern wahrnehmen, als das Bewusstsein, das sich selbst liebevoll beobachtet.

Nicht alles erklären,
sondern erleben, aus einer Perspektive der interessierten Beobachtung.

Nicht gegen das Gefühl arbeiten, sondern mit ihm sein.

Impulse aus der Praxis

Offenes Gewahrsein üben
Zwei Minuten lang den Blick weiten, Geräusche, Farben und Empfindungen wahrnehmen. Ganz ohne Fokus und ohne Ziel.

Gedanken als Phänomene erkennen
„Ich muss noch das erledigen“ ist nur ein Gedanke, kein Befehl.

Stille zulassen
Kein Handy beim Zähneputzen, kein Podcast beim Kochen, sondern einfache und bewusste Präsenz.

Non-Dualität bringt den Fokus zurück auf das, was bereits da ist: Verbindung, Atem, Dasein. Kein spirituelles Konzept, sondern ein inneres Erleben, das immer zugänglich ist, wenn wir aufhören, es zu suchen.

Warum der Wunsch nach Frieden oft Druck erzeugt

Ein unterschätzter Aspekt ist, dass selbst der Wunsch nach innerem Frieden zu Stress führen kann. Wer versucht, besonders achtsam zu sein, besonders präsent, besonders gelassen, erzeugt damit oft subtile Spannung. Es entsteht ein Idealbild, dem man mehr hinterherrennt, anstatt sich selbst zu begegnen.

Doch wie lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen?

Frieden entsteht nicht durch Mühe, sondern durch Hingabe. Eine gesunde „Es ist gerade einfach, wie es ist“ Einstellung. Wer den Ist-Zustand vollständig anerkennt, öffnet Raum für Veränderung. Es geht nicht darum, besser zu werden, sondern echter. Diese Authentizität fühlen dann auch andere und es öffnet sich Raum dafür, dass jeder mit den eigenen Bedürfnissen wahrgenommen werden kann. Diese Haltung erfordert Mut. Denn sie bedeutet, den Moment zuzulassen, auch wenn er unbequem ist. Doch genau darin liegt die Kraft. Nicht im Machen, sondern im Sein. Nicht in der Kontrolle, sondern im Vertrauen.

Weniger Erwartung, mehr Erlaubnis

Weihnachten muss nicht perfekt sein. Und innerer Frieden ist kein Zustand, den man sich erarbeiten kann. Er entsteht, wenn wir aufhören, gegen uns zu kämpfen. Wenn wir die Stille nicht erzwingen, sondern sie inmitten der Bewegung, im Lärm und in der Pause zwischen zwei Gedanken finden. Wer lernt, dem eigenen Erleben Raum zu geben, verändert nicht nur den Dezember, sondern sich selbst. Vielleicht ist das der wahre Zauber dieser Zeit, dass sie uns erinnert, wie viel Nähe möglich wird, wenn wir uns selbst wieder nah sind.

Über Rosa Koppelmann

Die Mentorin für nonduales Bewusstsein und Entwicklerin der Rosa-Koppelmann-Methode, begleitet Menschen aus innerer Zerrissenheit in Klarheit, Leichtigkeit und Selbstannahme. Ihr Ansatz verbindet spirituelle Tiefe mit neurobiologischer Fundierung – verständlich, erfahrbar und alltagstauglich.

*) Spirituelle Traditionen wie Zen oder Advaita Vedanta beschreiben nonduales Bewusstsein als die tiefste Form von Bewusstsein.

 

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