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Katharina Pommer, Mindshift GmbH

Katharina Pommer: Warum uns alte Vorstellungen von uns selbst ausbremsen

Kennst du auch diese innere Stimme, die dir sagt „Ich kann das nicht“ oder noch schlimmer: „Ich bin zu blöd, um XY zu machen“? Dann könnte dein Lebensrucksack voll gepackt sein mit alten Vorstellungen, die dich ausbremsen. PlusPerfekt sprach mit Katharina Pommer. Sie ist Psychotherapeutin (HP), Speaker und Unternehmerin. Katharina Pommer weiß, damit du mit Leichtigkeit etwas Neues angehen kannst, gilt es erst die schweren Lasten zu enttarnen, die dich daran hindern dein nächstes Ziel zu erreichen.

Katharina, warum müssen uns von Altem lösen?

Katharina Pommer: Ich arbeite seit 20 Jahren in einer psychotherapeutischen Praxis mit Menschen und habe bemerkt, dass irgendwie jeder mit einem ziemlich voll bepacktem Rucksack reinkommt. Einerseits sind Ängste und Blockaden drin, aber auch viele Gedanken, die oft wie kleine Äffchen auf unseren Schultern herum hüpfen und ihr Unwesen treiben. Aber es sind auch ganz viele alte Glaubenssätze. Dogmen. Auch innere Ideen, wie zum Beispiel „Ich kann das nicht“, „Ich war eh immer schon zu blöd, um XY zu machen“ oder „Als Frau komme ich im Beruf ja eh nicht voran. Da müsste ich auf etwas verzichten, wie zum Beispiel meine Kinder.“

Da kann man sagen, dass der Rucksack voll gepackt ist mit alten Vorstellungen über die Welt, aber auch über sich selbst. Und bevor man mit Leichtigkeit ein neues Abenteuer bestreiten kann, oder auch einen Berg besteigt, ist es wichtig, dass wir den Rucksack mit sprichwörtlichem Proviant packen. Das heißt, mit Dingen, die wir auch wirklich brauchen. Ich habe festgestellt, es ist ein ganz wichtiger Prozess zu erkennen, was die schweren Lasten sind, die Steine, die mich wirklich belasten und mich behindern. Sie halten mich zurück, sodass ich mein nächstes Ziel oder meinen nächsten Berg nicht erreichen kann.

Und dann gibt es aber auch Ressourcen, die ich habe. Die ich vielleicht noch gar nicht gesehen habe. Und die könnte ich brauchen. Die packe ich ganz bewusst ein und nehme sie mit auf die Reise.

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Woran erkenne ich, was mich belastet und was eine wichtige Ressource sein kann?

Katharina Pommer: Wir haben eine intuitive Kompetenz. Die ist bei ganz vielen Menschen bereits verloren gegangen, zum Beispiel durch Erziehung oder Prägungen in der Schule, sodass man sagt, ich vertraue mir selbst eigentlich gar nicht mehr. Diese intuitive Kompetenz lässt mich ein Gefühl in mir entwickeln, das – wenn ich an das Thema denke – entweder erhebend und erbaulich ist, mir Energie und eine Richtung vorgibt, bei der ich Hoffnung verspüre. Das ist etwas erfrischendes, etwas das mir Halt gibt. Und dann gibt es Gefühle – man sagt auch, die liegen im Magen. Zum Beispiel liegt Angst immer im Bauchbereich. Die liegt einem immer im Magen. Und diese Angst hindert mich. Die zieht mich zurück. Manchmal kann sie mich auch vor etwas bewahren. Aber wenn sie immer wiederkehrend ist und man merkt, das überdeckt meine Leichtigkeit oder Neugierde oder Leidenschaft, dann lohnt es sich schon die Frage zu stellen, wer in mir fühlt sich jetzt traurig oder wütend oder nichtig und klein. Und oft kommen wir dahinter, dass das gar nicht ich als Mensch bin, der jetzt hier steht, sondern ein jüngeres, älteres Ich. Das vielleicht noch ganz klein ist und in der Schule gesessen hat und vor ihm stand der dominante Lehrer, der sagte „Aus dir wird sowieso nichts.“

Man möchte sich aber weiterentwickeln. Beruflich Karriere machen. Und immer kommt diese nicht bewusste Erinnerung, aber doch ein Gefühl von „Ich schaff‘s nicht“. Man zweifelt an sich und ist zögerlich. Oder man lässt anderen den Vortritt. Mach du mal. Wenn der Chef möchte, dass ich eine Rede halte – nein, mach du lieber mal. Das sind diese Stimmen, die uns hindern. Die sind ganz normal. Die hat jeder von uns. Die kann man auch nicht wegdrücken. Die sind da und entstanden, irgendwann früher, weil sie uns vor etwas beschützen wollten. Das ist auch ganz wichtig. Und wenn ich das wahrnehme und da hinschauen kann und sehe: Ah, da gibt es einen Teil von mir, der ist jetzt voller Angst. Der macht sich ein bisschen in die Hose vor dem großen Auftritt. Oder der hat Angst für sich selbst einzustehen, den Beruf zu wechseln, sich selbstständig zu machen. Dann ist das immer etwas Altes. Das Neue ist eher das Erbauliche. Und das gilt es in den Rucksack zu packen.

Wie erkenne ich, ob mir meine Komfortzone im Weg steht?

Katharina Pommer: Aus der therapeutischen Sicht habe ich ein anderes Verständnis von „Komfortzone“, als es normalerweise gängig ist. Daher muss ich das kurz erklären. Ich nenne das „Window of Tolerance“, also ein Toleranzfenster, das jeder von uns hat. Für Stress, aber auch für Erfolg. Und zwar reagieren wir in unserem Stammhirn auf Probleme und auf Erfolge im Grunde ähnlich. Je nachdem wie breit oder schmal unser Toleranzfenster ist. Forschungen haben ergeben, das dieses Toleranzfenster schon ganz früh entsteht. Nämlich in den ersten drei Lebensjahren. Je nachdem wie ich da gelernt habe der Welt zu begegnen und auch wie die Welt mir begegnet, habe ich ein breites oder schmales Toleranzfenster. Hatte ich zum Beispiel Kindheitsbegleiter, die gut auf mich geachtet haben, die mich co-reguliert haben? Unser Gehirn kann sich nicht von allein entspannen. Es kann nicht sagen „Oh, da kommt ein Säbelzahntiger oder ein Problem, na ja, ich bleib erst mal entspannt.“ Das Entspannen müssen wir erst erlernen. Und dafür brauchen wir jemand anderen. Ein Gegenüber. Oftmals hat so jemand gefehlt und das Kind hat nicht gewusst, wie es sich selbst regulieren kann. Und ist so in die Situation gekommen, dass es ein sehr schmales Fenster hat. Jede Kleinigkeit regt schon auf. Und es gibt Erwachsene – das ist auch der Unterschied zwischen uns – die einen, da kann passieren was will, da kann ein riesen Gewitter oder Tornado kommen und die sind total entspannt. Und dann gibt es eine Gruppe von Menschen, die werden wegen einer winzigen Kleinigkeiten, wo eigentlich noch gar nichts passiert ist, recht aggressiv oder sie flüchten, ziehen sich zurück, trauen sich nicht mehr raus. Manche unterwerfen sich und sagen „Ich bin ganz klein und nichtig“. Und manche erstarren. Wenn einem zum Beispiel jemand begegnet, der einem eine Unhöflichkeit oder Respektlosigkeit entgegen bringt und man erstarrt und bekommt kein Wort mehr heraus. Das passiert bei manchen Menschen relativ schnell. Da braucht es nur einen kleinen Anstoß, weil sie eben nur ein sehr kleines Toleranzfenster haben. Und warum? Weil sie es in der frühen Kindheit, und das ist einfach ein Großteil der Ursache, nicht gelernt haben.

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Und dann ist es wichtig, dass man als Erwachsener sozusagen sich „nachbeeltert“. Das heißt, dass man es sich als Erwachsener erarbeitet. Viele beschreiben dieses Muster als heraustreten aus der Komfortzone. Viele fragen, wie soll ich das machen? Weil es nicht über den Kopf geht. In der Zeit, wo das Fenster entsteht, waren wir so klein. Wir hatten noch keine Sprache. Das heißt, ich kann diesen Teil in mir auch nicht über die Sprache erreichen oder regulieren, sondern ich brauche andere Methoden. Da habe ich auch eine entwickelt, sie heißt „The Process“. Aber auch aus der Körper-Trauma-Therapie und Bindungstherapie gibt es tolle Richtungen, wie man Menschen relativ rasch mit einfachen Übungen „schulen“ kann, sodass sie sagen können, jetzt halte ich es gut aus, wenn der Chef kommt und mir einen Stapel Akten hinlegt. Ich kann sagen, nein, heute nicht. Heute mache ich keine Überstunden.

Es gibt Menschen, die in ihrem Beruf unglücklich sind. Ein Gefühl, das über das alltägliche Ärgern am Arbeitsplatz hinausgeht. Man fühlt es vielleicht schon, aber der Schritt zu sagen „Ich verlasse dieses Unternehmen“ ist ein sehr großer. Gibt es eine Hilfe, wie man es „vor-erleben“ kann, um im Vorfeld zu erfühlen, ob dieser Schritt der Richtige ist?

Wir Menschen, wir brauchen Sicherheit und Ordnung. Alles was uns Sicherheit, Struktur und Ordnung gibt ist auch „in Ordnung“. Daher kommt auch dieses Sprichwort. Wenn etwas aus der Ordnung gerät, ist es ein Problem. Wenn ich einen Gedanken in mir habe, wie „Ich fühle mich da nicht wohl“ oder „Ich würde gern etwas anderes machen“, dann habe ich auch immer einen anderen Teil in mir, der sagt „ Ja, sag einmal, du verdienst da Geld, es ist sicher, da bist du jetzt schon ewig. Bleib da.“ Ich hab dann einen Konflikt in mir. Wenn sich zwei Teile in mir duellieren, sitzen am Konferenztisch und sagen „Ich bin aber ganz anderer Meinung“. Das heißt, da ist etwas aus der inneren Ordnung gelaufen. Und da ist es ganz wichtig zu hinterfragen, wer in mir ist jetzt der Meinung, ich solle bleiben und zähle mir mal bitte deine Argumente auf. Und – ganz wichtig – auch deine Gefühle dazu. Der andere Anteil, der gehen möchte, darf auch seine Argumente und Gefühle aufzählen. Dann habe ich sozusagen zwei, die sich gegenüber stehen. Ich bin mir dann selbst der Mediator.

Die meisten Menschen bewegen sich erst in eine neue Richtung und verändern etwas, wenn ihnen der Beruf wirklich Schmerz bereitet. Wenn sie es dort nicht mehr aushalten. Erst dann handeln wir. Ähnlich wie wenn wir zum Zahnarzt gehen. Das heißt, es kann sein, dass ich Mediator bin und ich habe eine ausgewogene Liste. Einer sagt ich soll bleiben, einer sagt ich soll gehen, aber die Argumente sind ausgewogen. Ich komme nicht weiter. Dann ist es wichtig, dass man den neuen Beruf in Aussicht stellt. Also, ihm konkretes, sicheres, „in Ordnung gebrachtes“ Futter gibt. Das heißt, man bewirbt sich vielleicht neu, oder man macht einen Kurs als Unternehmer und spricht mit anderen Unternehmern. Schaut sich in der Branche um. Macht eine Marktanalyse, geht zu einem Markenberater oder einem Coach und sagt, mach den einen Teil von mir so fit, dass der andere ihm sozusagen Absolution erteilt und sagt, okay, ich vertrau dir, du kannst den neuen Weg gehen. Es geht letzten Endes immer um Vertrauen. Wann kann ich dir folgen? Wenn du mir genug Sicherheit gibst. Irgendein Goodie müssen wir ihm vor die Füße legen, dass er mir folgen kann.

Für all die Zweifler, die mit sich hadern und Angst haben Altes loszulassen … Hast du für sie einen Tipp?

Katharina Pommer: Ja, loslassen ist eben so eine Sache. Es ist ja auch ein Modewort. Vor zehn Jahren habe ich mich mal gefragt, was das eigentlich heißt. Jeder sagte, du musst loslassen. Dann hat mir jemand gesagt, loslassen hieße vertrauen. Aber was heißt vertrauen? (Lacht) Ich wollte das wirklich fühlen. Dann hatte ich eine Erkenntnis. Als ich sehr, sehr krank war und in die Klinik musste. Da muss man ja vieles loslassen. An Ängsten, an Bildern, die man kreiert bekommt, zum Beispiel von Ärzten. Da habe ich gemerkt, okay, es braucht Vertrauen von mir ins Leben. Ich brauche einmal diese Grundhaltung. Die müssen sich viele erarbeiten. Vor allem diejenigen, die vor 1980 geboren sind und noch in der Babyphase sehr früh von der Mama getrennt wurden. Erlernen, dass das Leben gut zu mir ist. Dass ich „Ja“ sagen kann. Zum Beispiel zu dir, zum Leben – und das Leben „Ja“ sagt zu mir. Dann kann ich eher Vertrauen haben, dass sich schon alles fügen wird. Dass ich die richtigen Leute kennenlerne. Dass ich das richtige Wissen habe und es auch anwenden kann. Vertrauen heißt in Folge auch, dass ich mich entspannen kann. Wenn ich Vertrauen habe und losgelassen habe, kann ich mich entspannen. Obwohl ich persönlich eher ein Freund von „Binde deine Pferde an“ bin. Loslassen heißt für mich kein naives „Oh, jetzt schauen wir mal, was passiert“, sondern eher ein „Ich habe im Blickfeld, was auf mich zukommt“.

Im Buddhismus sagt man, der Meister weiß aus ganz großer Entfernung, welche Probleme am Horizont auftauchen. Wenn ich mich mit diesen befasse, kann ich mich ja viel leichter entspannen. Viel mehr Vertrauen haben. Weil ich mir vorab Strategien überlege, wie ich meiner schlimmsten Angst begegne, wenn sie je eintritt. Dabei machen wir die Dinge nicht schlimmer, als sie sind. Das ist ganz wichtig. Aber wir schauen sie uns an. Nicht im Detail, aber eben für die schlimmsten Ängste. Für die sollte man ein Gegenüber sein und eine Antwort haben.

Katharina Pommer

ist Psychotherapeutin (HP), Autorin, Podcasterin, Speaker, Unternehmerin und Business Angel. Sie ist Founder und CEO der Mindshift GmbH in Stadtlauringen.

Das Interview mit Katharina Pommer führten wir im Rahmen der PlusPerfekt Edition Business 2019.

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