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Kleider meines Lebens: Der Stoff, aus dem die Träume sind

Verhüllen, betonen, verstecken – Kleider sind ein Werkzeug, um unsere Persönlichkeit optisch nach außen zu tragen. Manchmal ein Versteck, manchmal expressiver Ausdruck. Auf eine sehr sinnliche Weise verankert sich unsere Kleidung in unserer Lebensgeschichte. Sie ist Erinnerungs- und Gefühlsträger zugleich. Mit ihrem komplexen Innen- und Außenleben zieht sie auch Schriftstellerinnen in ihren Bann. In „Die Kleider meines Lebens“ sammelt und kommentiert Annette Hülsenbeck, Textil- und Bekleidungswissenschaftlerin, Ausstellungskuratorin und Dozentin an der Universität Osnabrück, Erzählungen berühmter Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf oder Margaret Atwood.

Virginia Woolf beschreibt in ihrer Kurzgeschichte, wie die Protagonistin Mabel Warings in Hysterie verfällt, als sie ihr eigenes Kleid mit dem einer gleichaltrigen Bekannten vergleicht. Warum lösen Kleider solche Emotionen aus?

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Die Kleider meines Lebens | Herausgeberin Annette Hülsenbeck

Annette Hülsenbeck: Kleidung ist ein Medium der Wahrnehmung – in mehrfacher Weise: Erstens nehmen wir uns selbst in unserer Kleidung wahr. Auf unserer Haut fühlt sie sich angenehm, warm, kühl, kratzig … an. Wir spüren unseren Körper in seinen ‚Grenzen‘. Die Kleidung formt, klemmt, umgibt uns so, dass wir uns in ihr wohl fühlen. Sie ist so passend bzw. unauffällig, dass wir sie selbst gar nicht besonders bemerken.

Dann nehmen uns die „Anderen“ in unser Kleidung wahr – als passend oder unpassend, vertraut oder fremd, als modisch oder unmodisch … gekleidet.

In den Erzählungen der Anthologie, die ich herausgegeben und kommentiert habe, sind Erfahrungen von Frauen mit/in Kleidung gesammelt – den Emotionen, die mit Kleidung verbunden sein können, werden tief nachgespürt und ‚zu Tage‘ kommen Sehnsüchte, die sich nicht  erfüllen: Mabel Warings neues Kleid in Virginia Woolfs Kurzgeschichte führt nicht dazu, dass Mabel im Salon von Mrs. Dalloway als ‚originell‘ und ‚entzückend‘ wahrgenommen wird, sondern als merkwürdig, unmodisch, fehl in diesem gesellschaftlichen Raum, so wird sie einsam, ausgegrenzt – in der Geschichte von Marieluise Fleißer ist das Unvermögen des passenden modischen Kleides gleichbedeutend mit dem Unvermögen, in der Moderne einen (ihren) Platz einzunehmen, bei Alice Munro ist das rote Kleid, das die Mutter für die Tochter näht, ein Modell des Lebens, das sie sich für ihre Tochter wünscht …, die aber mit diesem Kleid in ihrer Peer Group scheitert.

Kleider machen uns sozial und persönlich sichtbar – mit ihren Farben, Materialien, Formen … als Frauen oder Männer, als weiblich oder männlich, verspielt oder ernst; sie begleiten uns und wenn wir uns verändern: älter werden, einen anderen Beruf ergreifen, eine neue Beziehung eingehen, in eine andere Stadt, ein anderes Land ziehen, kann es gut sein, dass wir auch unsere Kleidung verändern.

Margaret Atwood geht so weit zu sagen: „Was soll ich nur tun? Ist die eine Frage. Sie kann immer durch „Was soll ich nur anziehen?“ ersetzt werden. Für manche Leute ist das dasselbe.“

Jeder hat Schrankleichen – Kleider, die man begeistert gekauft, aber niemals getragen hat. Steht Kleidung für ein anderes Ich, in das wir hinein schlüpfen möchten?

Annette Hülsenbeck: Im Spiegel einer Umkleidekabine – einer Boutique, eines Kaufhauses – sah ein Kleidungsstück verheißungsvoll aus, versprach vielleicht eine Leichtigkeit, Attraktivität und dann passte es nicht in den eigenen Alltag – aber ‚schön‘ ist es immer noch, im Schrank – eine Möglichkeit für einen anderen „Auftritt“.

Ob es heute mit den veränderten Kaufgewohnheiten noch so viele Schrankleichen gibt? Die jungen Mädchen, die so vieles online bestellen – anprobieren, sich fotografieren, bei Instagram posten und die Kleidung dann zurückschicken … weiß ich nicht genau.

Warum tragen wir, trotz prall gefülltem Kleiderschrank, immer wieder dieselbe Kleidung?

Annette Hülsenbeck: Vielleicht mögen wir sie, weil sie besonders komfortabel und praktisch ist, vielleicht fühlen wir uns in ihr einfach wohl – identisch mit uns selbst. Es kostet Mühe ein Outfit – für eine gewisse Zeit – zu finden, mit dem sich einig weiß und in dem man sich in der Öffentlichkeit zeigen will. In unseren Schränken gibt es tatsächlich nur einen kleinen Teil Lieblingsstücke in einem Meer aus Kleidung. Die meisten Sachen tragen wir nicht – laut einer Umfrage werden maximal 50 Prozent unserer Kleidung aktiv getragen. Aber es gibt auch Menschen, die ihre Outfits sehr häufig wechseln, für die es wichtig ist modisch auszusehen, sich am ‚Puls der Zeit‘ zu fühlen.

Sie geben biografische Schreibworkshops zum Thema „Kleidergeschichten – Lebensgeschichten“. Inwieweit inspirieren Kleider zu Geschichten?

Annette Hülsenbeck: Kleidung eignet sich besonders, weil sie uns kontinuierlich begleitet, weil ich sie anfassen und in konkrete gesellschaftliche Zusammenhänge verorten kann. Man kann den eigenen Lebenslauf in besonderer Weise an der Kleidungsbiographie entlang rekonstruieren. Zugleich, und das ist das Interessante, wendet sie sich gegen die Vereindeutigung der Welt: Kleidung hat eine Außenseite, die gesehen wird und eine Innenseite, die wir fühlen, in der wir uns selbst wahrnehmen. In Kleidung zeigt man sich und überlegt zugleich immer schon mit, wie die Anderen auf einen blicken und wie man wirkt. Mit Kleidung deklinieren wir also unsere Identität und Zugehörigkeit durch, spielen aber auch mit möglichen „Erscheinungsweisen“. Wir probieren, wer wir sind und wer wir sein könnten.

Was gibt die Wahl unseres Outfits über uns preis?

Annette Hülsenbeck: Kleidung kann etwas über uns „erzählen“ – wo wir uns zugehörig fühlen: zu welcher Gruppe, welchem Alter … darüber was uns an Kleidung wichtig ist (Material, Farbe, Schnitt) ob wir Wert darauf legen, modisch zu sein – aber Kleidung kann auch stumm oder irritierend sein – eine Hülle, ein Schutzpanzer für das Innere.

Was tragen Sie gerade selbst? Was sagt es über Sie aus?

Annette Hülsenbeck: Ich freue mich über bequeme Schnitte von Hosen und Jacken, Materialien wie Leinen, Baumwolle für schicke Shirts, Kaschmirpullover, die alltagstauglich sind – Kleidung, die ich nicht dauernd ‚bemerke‘, weil sie eine liebevolle zweite Haut für mich ist. Mein Beruf und meine Lebenssituation passen in ähnlicher Weise zu mir.

Unsere Lieblingskleider gehen mit uns durch dick und dünn. Ist unser Kleiderschrank so etwas, wie unsere persönliche, textile Biographie?

Annette Hülsenbeck: Unsere Lieblingskleidungsstücke verorten uns vielleicht in einer bestimmten Zeit unseres Lebens, erinnern uns an die Zeit als junge Frauen oder an eine ganz spezielle Lebensphase. Man sieht, welche Phasen hat es in meinem Leben gegeben, welche Personen waren für mich wichtig. Und: In welchen Kontext habe ich mich früher eingeordnet? War ich eher der Kostümtyp oder die Hosenträgerin?

Auf eine sehr sinnliche Weise verankern sie uns also in unserer Lebensgeschichte.

Und: Wie schaffe ich es, mich inmitten des ständigen Wechsels, der Veränderungen selbst als roten Faden zu begreifen? Wir sind uns ja alle im Grunde ähnlich: Wir sind Teil einer generativen Kohorte, erleben vieles gemeinsam, tragen und trugen Kleidung des jeweiligen Zeit’geschmacks‘. Das, was an uns unverwechselbar ist, ist das, was wir individuell getan, erlebt und erlitten haben. Also: Mit welchen Menschen wir zusammenleben, was wir arbeiten, gern essen, wohin wir reisen, welche Bücher wir lieben und so weiter und so fort. Kleider sind Erinnerungsträger, die uns helfen können, darüber nachzudenken

Kleider sind Erinnerungsträger. Wie dürfen wir das verstehen?

Annette Hülsenbeck: Kleider können Impulse für das Aufrufen von Erinnerungen sein – eine Studentin drückte es so aus: Kleider sind die besseren Fotos (damit spielte sie darauf an, dass man Kleider anfassen kann, anprobieren, riechen …)

Margaret Atwood dazu: „Das ist meine Technik, ich lasse mich durch die Erinnerung an Kleider auferstehen. Es ist mir tatsächlich unmöglich mich daran zu erinnern, was ich getan habe, was mir zugestoßen ist, wenn ich mich nicht daran erinnern kann, was ich angehabt habe …“

Wie wichtig ist es, bei Kleidung neues auszuprobieren?

Annette Hülsenbeck: Kleidung an- und auszuprobieren kann spielerisch als Probehandeln auf der Suche nach der eigenen Identität dienen, sich selbst im Spiegel in einem neuen Kleid zu sehen, kann ein Lackmustest (Anm. der Red.: Prüfstein, Gradmesser) sein: Was passt zu mir; Wer ist das, den ich da sehe; Bin das wirklich Ich?

Dank dem Revival verschiedener Trends aus den 80er, 90er und 2000ern ist scheinbar alles erlaubt. Trotzdem hat man das Gefühl, die Menschen auf der Straße sehen alle gleich aus. Wie kommt das?

Annette Hülsenbeck: Studierende erzählen mir in fast jedem Seminar, wie individuell sie gekleidet sind und wie viele Möglichkeiten sie haben. Wenn wir dann ihre Kleidung vergleichen und eine Gestaltanalyse ihrer Kleidungsstücke machen, sind sie erstaunt bis erschreckt durch die Erkenntnis, wie ähnlich sie doch gekleidet sind. Von jedem Kleidungsstück, das wir tragen, gibt es noch so viele andere, die genauso aussehen. Der individuelle Spielraum in Bezug darauf, wie ich mich anziehen kann, ist sicher größer als etwa in den 1950er Jahren. Aber das hat nichts mit Individualität im Sinne einer Individuation zu tun, sondern entspricht dem, was wir Zeitgeist nennen können. Heute trägt man körperbetonte Kleidung aus elastischen Materialien, die sich gut anpassen, auch wenn sie mal kneifen. Und es ist wichtig, die Teile so zu kombinieren, dass der Look am Ende keine harmonische Einheit bildet. Irgendwo muss ein Bruch sein. Zum Beispiel in der Kombination aus einem Oberteil, einer Leggings, aber dann doch einem Rock darüber. Der Look soll zusammengesetzt aussehen.

Kleidung/Mode gibt so Auskunft über einzuübende Verhaltensmuster: Eine richtige Einheit in unserer Gesellschaft gibt es heute nicht mehr. Flexibilität ist wichtig. Man darf nicht zu sehr und zu lange an Dingen festhalten, dafür ist die Geschwindigkeit zu hoch geworden. Dabei will man wie gesagt auch Individualität zeigen – aber bloß nicht zu viel. Befeuert durch Instagram gab es noch nie so viele Kommentare wie heute rund um das Thema Kleidung, positive aber auch negative.

Gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich oft in der Kleidung wieder. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Bloggerinnen in den sozialen Medien deutlich erfolgreicher sind, wenn sie ein veraltetes Rollenbild (Kinder, Kirche, Küche) bedienen. Man bekommt den Eindruck, viele Bereiche werden wieder stärker dem ein oder anderen Geschlecht zugeordnet. Zeichnet sich diese Entwicklung auch in der Mode ab?

Annette Hülsenbeck: Was mir zu denken gibt, ist die starke geschlechtsspezifische Zuordnung bei Kinderkleidung. Wenn man heute in einen Laden geht, ist die Kleidung klar getrennt zwischen Jungen und Mädchen, natürlich in blau und rosa. Das gab es in den 1970er/80er so nicht. Es findet also gerade ein Roll-Back statt mit vielen unbewussten Prägungen. Ich denke auch an die extrem sexualisierte Kleidung von vielen sehr jungen Mädchen heute und die Rückkehr zu einer vorgeprägten Weiblichkeit. Wenn mir jemand vor dreißig Jahren erzählt hätte, dass es zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder Abiturbälle mit Ballkleidern und einen riesigen Hype um Hochzeiten geben würde …

 

Credits: Annette Hülsenbeck
Annette Hülsenbeck

„Die Kleider meines Lebens“
enthält Erzählungen von Margaret Atwood bis Virginia Woolf. Sie berichten in dieser Anthologie von der Magie der Kleider und davon, was Kleider aus uns machen. Herausgeberin ist Annette Hülsenbeck. Sie ist Textil- und Bekleidungswissenschaftlerin, Ausstellungskuratorin und Dozentin an der Universität Osnabrück. Erschienen ist das Buch in der Reihe „blue notes“ im Verlag Ebersbach & Simon. Es hat 144 Seiten und kostet 16,80 Euro.