Schauspielerin Nadja Zwanziger

Nadja Zwanziger: Warum wir diese Frau als Tatort Kommissarin sehen möchten

Die Schauspielerei ist ihre Leidenschaft. Das wusste sie schon in der Schule. Dass sie allerdings nicht in das typische Bild der Frau in den Medien passt, das musste sie erst lernen. Dicke Frauen gibt es noch immer kaum in der Fernsehlandschaft, das zu ändern ist Nadja Zwanzigers Mission.

PlusPerfekt sprach mit ihr über Traumrollen, Klischees und was wir als Zuschauer tun können, damit Diversity und Body Positivity auch im TV ankommt.

Nadja, von Hape Kerkeling weiß man, dass er schon in der Schule seine humoristische Ader ausgelebte. Wie war es bei dir? Zeichnete sich dein Schauspieltalent bereits während der Schulzeit ab?

Nadja Zwanziger: Absolut! Ich habe seit ich denken kann Menschen gerne zum Lachen gebracht. Das brachte mir auch immer viele Sympathien ein. Ich sang im Kölner Kinderchor, stand früh auf großen Bühnen und genoss die vielen Blicke auf mich. Ich würde sagen, ich war ein sehr fröhliches, extrovertiertes Kind mit feinen Antennen für Mensch und Tier.
Später vor meinem Schulabschluss dann gab es viele Menschen, die mich ermutigt haben den Weg der Schauspielerin weiter zu verfolgen.

Hattest du auch Unterstützung in der Familie?

Nadja Zwanziger: Meine Mutter stand immer hinter mir! Sie hat mein Talent früh erkannt und mir die Möglichkeit gegeben über die Wahl der Schule (durch sie kam ich auf die Waldorfschule), als auch die Anmeldung im Kinderchor und die damit verbundenen Fahrten immer im Kontakt mit meiner kreativen Ader zu bleiben.

Nach dem Schulabschluss war sie es, die mich zur Kölner Medienmesse schleppte und mich zu dem netten Mann am RTL Stand schubste, der mir die Adresse meiner ersten Schauspielagentur in die Hand drückte!
Nur ihr habe ich es zu verdanken, dass ich damals dort angerufen habe und das Casting machen konnte.

Du hast keine Schauspielschule besucht. Würdest du das rückblickend anders machen?

Nadja Zwanziger: Ich würde einiges rückblickend anders machen, aber das wohl nicht. Zwar musste ich vieles auf die harte Tour lernen, aber ich bin immer wieder tollen Kollegen und Kolleginnen begegnet, von denen ich mehr lernen konnte, als mir das eine Schule vermutlich hätte beibringen können. Die damaligen Schulen waren ja auch alle auf das Theater ausgerichtet. Mich interessierte jedoch schon immer Film und Fernsehen mehr. Heute kräht da kein Hahn mehr nach, ob ich vor 22 Jahren eine Schauspielschule besucht habe. Aber das darf man nicht pauschalisieren. Für jeden ist ein anderer Weg der richtige.

Du sagst, du hast mit dem schauspielern in einer „Randgruppe“ gestartet. Was meinst du damit?

Nadja Zwanziger: Naja, die dicke Frau war vor 22 Jahren kaum vorhanden im Fernsehen und wenn, dann total klischeehaft! Meine erste Hauptrolle war total schön, aber trotzdem war es eine Cinderella-Story. Vom hässlichen Entlein zum Schwan … So was eben.

Da gab es einige Rollenangebote, die ich teilweise nicht annehmen konnte, weil ich bei „Girl Friends“ damals eine durchgehende Rolle hatte. Die Dreharbeiten fanden parallel statt, also konnte ich das nicht machen. Auch diese Rollen waren so angelegt, dass der Held der Geschichte erst die innere Schönheit meiner Rolle erkennen musste, um sich zu verlieben. Natürlich gegen alle Widrigkeiten kämpfend. Das Entlein konnte sich glücklich schätzen so einen schönen Mann „ab zu bekommen“ … Na klar, denn ihre innere Schönheit war ja da. Das macht den Held noch heldenhafter lach. Es gab damals schon viele dicke Männer in Hauptrollen. Das waren halt Typen!

„Aber Frauen mussten zart, jung und am besten hilflos daher kommen.“

Da gab es nicht viele große Rollen für mich. Irgendwann habe ich dann angefangen Rollen, die als „die Dicke“, oder sogar „fette Frau“ im Drehbuch angegeben wurden abzusagen. Das kam nicht immer gut bei Castern an. War aber mein Zeichen zu sagen, dass sich da was ändern muss. Die dicke Frau war und ist leider auch heute noch eine Randgruppe in den Medien …

„Erst wenn es normal wird dicke Frauen in jeder Lebenslage, ohne ihren Körper zu thematisieren, im Fernsehen und auf der Leinwand zu sehen, dann haben wir es geschafft.“

Warum sind dicke Frauen noch immer im Fernsehen und Kino unterrepräsentiert?

Nadja Zwanziger: Man bekommt immer wieder zu hören „das will doch keiner sehen!“, oder „die Leute schalten den Fernseher ein, oder zahlen ein Kino-Ticket um vom Alltag abzuschalten. Sie wollen träumen!“ Da passt eine dicke Frau nicht ins Schema. Und wenn dick, bloß nicht zu dick. Man darf eine gewisse Grenze der „Aushaltbarkeit“ nicht überschreiten.

Eine persönliche und wirklich schmerzhafte Erfahrung war, dass viele Frauen so hart, vor allem körperlich, daran arbeiten in das Schema der Sender, Produzenten, oder wem auch immer zu passen, dass sie teilweise aggressiv reagierten, wenn jemand wie ich, der ja wohl offensichtlich auf nichts verzichtet und genussvoll lebt, am Set auftauchte.

„Dieses vorgegebene Bild der Frau in den Medien macht uns alle krank.“

Mädchen stürzen sich in Magersucht, Bulimie, Sportsucht, etc. nur um nicht negativ aufzufallen. Um dazuzugehören! Es wird Zeit, dass die Sender ihre Aufgabe wahrnehmen und Frauen und Kinder vor diesem Weg so gut es geht zu schützen, indem sie alle Körperformen völlig selbstverständlich abbilden. Einiges ist Gott sei Dank aktuell in Bewegung.

Nehmen Diversity und Body Positivity auch Einzug in die Medien? Und ich meine damit nicht nur in die Diskussionsrunden, sondern auch die Besetzung der Rollen?

Nadja Zwanziger: Ja, das glaube ich. Wie bereits gesagt tut sich aktuell was. Und das haben wir all den AktivistInnen z. B. in den Diskussionsrunden zu verdanken, die überall für Vielfalt und Gleichberechtigung kämpfen. Wir sind lauter, als noch vor 20 Jahren. Heute gibt es Möglichkeiten, die es damals nicht gab und die wir zu nutzen wissen. In den Entscheidungsebenen finden sich immer mehr Fürsprecher, weil eine Gesellschaft eben divers ist. Wir haben da noch viel Platz nach oben, aber es gibt Hoffnung.

Wichtig ist, dass wir alle uns bewusst werden, dass wir zu einer Änderung beitragen können. Wir müssen aktiv werden. Nicht nur meckern ist die Devise, sondern loben und nach mehr rufen. Wir müssen die Sender mit Post und Mails überfluten! Wir müssen ihnen sagen, was wir wollen. Seht ihr eine dicke Frau im Fernsehen überschlagt euch mit Komplimenten. Dabei ist es erst mal egal in welcher Rolle. Denn je öfter wir zu sehen sind, umso selbstverständlicher wird es und umso größer werden die Rollen! Jede / jeder Einzelne kann etwas tun!

In welchen Bereichen hast du schon gespielt?

Nadja Zwanziger: Ich habe das große Glück, dass ich in ziemlich jedem Bereich bereits drehen durfte. Egal, ob Drama, Schnulze, Krimi, oder Komödie. Comedy ist relativ neu und ich muss zugeben, ich liebe es.

Wo fühlst du dich schauspielerisch am wohlsten?

Nadja Zwanziger: Ich finde Comedy schon ziemlich geil lach. Das ist viel anspruchsvoller, als man zuerst denkt. Hier wird kein Patzer verziehen, man muss hoch konzentriert sein und auf das richtige Tempo achten. Tut man das nicht, funktioniert der Witz einfach nicht. Ich fühle mich hier sehr wohl und hoffe in Zukunft auf viele tolle Rollen in schönen Comedy Formaten.

Was ist deine Traumrolle?

Nadja Zwanziger: Vor nicht allzu langer Zeit habe ich gesagt Tatort Kommissarin! Das ist natürlich eine tolle Herausforderung, weil es noch nie eine dicke Tatort Kommissarin gab. Aber die Liebe zu Comedy hat mich gepackt! Wäre die Tatort Kommissarin mit feinem Humor und scharfer Zunge versehen, wäre das ein Traum!

Wir freuen uns auf ein TV-Format mit dir. Anfang Februar starten die neuen Folgen von „Die Läusemutter“. In welcher Rolle bist du zu sehen?

Nadja Zwanziger: Am 7. Februar startet Sat.1 den neuen Fun Freitag und „Die Läusemutter“ wird ab 21.15 Uhr in Doppelfolgen zu sehen sein. In der neuen Serie geht es um den alltäglichen Wahnsinn an einer Grundschule. Hannah, die geschiedene Mutter, startet das neue Schuljahr mit ihrer Tochter an einer neuen Schule. Es läuft jedoch leider alles anders, als sie sich das gedacht hat und sie stolpert so ziemlich über alles und jeden durch den Schulalltag. Wirklich nichts und niemand an dieser Schule ist normal. Es ist also wie im richtigen Leben.

Meine Rolle gehört zu einem Duo, bestehend aus zwei Müttern, die sich aus Kindheitstagen kennen und bereits selber an der Glücksbaum Grundschule Schülerinnen waren. Mel und Kim (Kimberly Scheuermann) sind zwei Helikoptermütter, die jede freie Minute gemeinsam in der Schule verbringen, zu allem eine Meinung haben (wenn auch nicht immer die gleiche) und sich gekonnt vor jeder anfallenden Arbeit drücken.
Kim, die Rolle, die ich verkörpere, ist herrlich naiv, durchschaubar und nicht gerade die hellste Kerze am Baum. Sie nimmt jedes Fettnäpfchen mit und lässt so manchen ratlos, erstaunt zurück. Mel ist ihre beste Freundin und auch wenn ihre Freundschaft so manches Beben erschüttert, so können sie letzten Endes nicht ohne einander.

Was ist für dich das Besondere an der Rolle?

Nadja Zwanziger: Ich liebe Kim! Sie ist zwar echt oft nervig, aber eigentlich hat sie das Herz am richtigen Fleck. Sie geht sehr naiv in die Welt und spricht schneller als sie denkt, was es schwer macht sich nicht über sie zu wundern. Aber so richtig böse kann man ihr auch nicht sein, weil eigentlich spricht sie aus, was viele denken. Ich hoffe sehr, dass sich viele Zuschauerinnen mit Kim identifizieren können.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre das?

Nadja Zwanziger: Ich möchte so oft es geht glücklich sein! Nur wer selber glücklich ist kann andere glücklich machen.

Hast du einen Tipp, den du unseren Leserinnen geben möchtest?

Nadja Zwanziger: Seid liebevoller zu euch und tut, was euch glücklich macht! Das sage ich immer wieder. Wir sehen uns selber viel zu kritisch und engen uns dadurch ein.

„Bist du selber glücklich, blickst du auch sanfter auf andere. Das macht vieles leichter.“

Über Nadja Zwanziger

Die beliebte Schauspielerin startete ihre Karriere 1998. Im Kurzfilm „Ran an den Speck“ spielte sie ihre erste Hauptrolle. Man kennt sie unter anderem aus Serien wie „Girl Friends“, „Mein Leben und ich“, „Unser Charly“, „Die Wache“, „Soko“, „Ein Fall für zwei“, „Die Läusemutter“ und – last but not leat – dem „Tatort“.

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