Designer Interviews

Zu Gast bei Sallie Sahne & Minx: Eva Lutz über Plus Size, Mut & ihr Feeling für Stoffe

Ihre Mode ist international. Ihr Atelier in einem historischen Gutshof im ländlichen Unterfranken. Ein Gegensatz? Wohl eher ein bewusst gewählter Mix, wie man ihn von ihren Kreationen kennt.

Eva Lutz ist der kreative Kopf von Minx und Sallie Sahne. Und sie beweist Mut. Zeigt auf der Fashion Week in Berlin, dass ihre Mode weder Konfektions- noch Altersgrenzen kennt. Schickt neben sehr schmalen Damen auch Plus-Size-Mannequins und ein Model mit grauem Haar auf den Runway. Im Gespräch mit ihr klingt das alles ganz selbstverständlich. Ist es aber in der Modebranche keineswegs.

Das Atelier ist Licht durchflutet. Weiße Wände, heller Fußboden. Die Einrichtung ist modern und reduziert auf das Wesentliche. Skizzen, ein paar Stoffballen und Musterstücke aus ihrer Kollektion sind die einzigen Farbtupfer. Alte Holzbalken erinnern daran, dass wir uns in einem historischen Gutshof befinden.

Wir sitzen an einem riesigen Holztisch, der Platz für viele kreative Ideen bietet. Wir sind gespannt auf die Frau, die hinter den Kollektionen von Minx und Sallie Sahne steht.

Ihre Assistentin bringt uns Kaffee. Wir sind zu Gast. Zu Gast bei Modedesignerin Eva Lutz.

Wie kamen Sie zum Modedesign?

Eva Lutz: Ich habe bereits als Zwölfjährige angefangen zu nähen. Meine Mutter war Hobbyschneiderin und ich durfte oft an ihre Nähmaschine, mit der ich mir schon früh viel selbst genäht habe. Ich habe mich dann nach der Schule für eine Schneiderlehre entschieden, anschließend noch Modedesign in München studiert und mit Diplom und Meisterbrief abgeschlossen. Somit habe ich das ganze Metier von der Pike auf gelernt.

Hätte ich nicht diesen Weg eingeschlagen, wäre ich vermutlich Kindergärtnerin geworden – also etwas komplett konträres. (Sie schmunzelt.)

Und dann hat es Sie wieder in die Heimat gezogen?

Ein kurzer Blick aus dem Atelierfenster und man könnte sehr gut verstehen, weshalb es Eva Lutz zurück in die Heimat gezogen hat.

Eva Lutz: Das war reiner Zufall. Während meines Studiums hatte ich Kontakt zu einem Laden in Würzburg. Dort hatte ich schon ein wenig gearbeitet und mir Geld zum Studium dazu verdient.

Habakuk?

Eva Lutz: Ja genau, Habakuk. Ich hatte dort nebenbei in den Semesterferien als Änderungsschneiderin gearbeitet. Eines Tages hat man mich gefragt, ob ich als Model auf eine Modemesse mitkommen möchte, da dort Minx vorgestellt wurde. Habakuk hatte damals bereits mit Minx angefangen, allerdings in einer ganz anderen Form, als es heute ist.

Zufälligerweise bot sich mir dann am Ende meines Studiums die Möglichkeit, bei Minx einzusteigen. Dieses Angebot habe ich natürlich gern angenommen und so bin ich wieder in die Heimat zurückgekehrt.

Der Name Eva Lutz und Habakuk ist in der Region irgendwie „verbunden“, doch die Zusammenhänge waren mir nicht klar.

Eva Lutz: Minx wurde durch Habakuk ins Leben gerufen. Die Zeiten damals waren aber ganz andere, es wurden nur ein paar Kleider gezeigt, die aber in großen Stückzahlen verkauft wurden. Als ich neu als Designerin dazu kam, fing ich langsam an, ganze Kollektionen zu entwickeln. So sind wir peu à peu gewachsen.

1982 entstand Minx. Wann wurde Sallie Sahne „geboren“?

Eva Lutz: Das war 1989. In den 80ern waren die Schnitte alle sehr oversized. Sie konnten quasi die Konfektionsgrößen 38 bis 48 anziehen, die Körperform darunter spielte keine Rolle. Alles wurde über die Schulterpartie aufgebaut, das hieß Schulterpolster und gerader Schnitt nach unten. Im Nachhinein eine Mode, die wirklich nicht schön war. Mit der Zeit ging der Trend aber wieder mehr zu körpernaher Mode und wir merkten, dass wir nicht mehr alle Minx Kundinnen bedienen konnten. So sind wir auf die Idee gekommen, Mode für Große Größe anzubieten.

Auf der Fashion Week sagte ich: Sie entwerfen für Minx normale Größen und für Sallie Sahne … Sie unterbrachen mich: „Wir haben nur normale Größen. Bei Minx bis 46. Bei Sallie ab 40 bis 54. Ich fand das toll. Häufig wird zwischen Normal- und Plus-Size-Größen unterschieden.

Eva Lutz: Generell habe ich Schwierigkeiten mit diesem Begriff „normal“. Für mich sind alle Größen und alle Frauen normal und ich stehe zu all meinen Kollektionen.

Im Plus-Size-Segment scheinen die Zielgruppen nicht so stark abgegrenzt zu sein wie bei den vermeintlichen „Normalgrößen“?

Eva Lutz: Tatsächlich ist der Anspruch an Mode bei der Sallie Sahne Kollektion viel größer, denn es wird verlangt, dass sie allen Zielgruppen gefällt. Ich denke jedoch, dass Mode eine Lebenseinstellung ist und setze stark auf Qualität und Nachhaltigkeit. Innerhalb meiner Kollektionen kann man viel kombinieren, allgemein sind die Modelle heutzutage länger modern und länger tragbar.

Verkaufen Sie mehr mehr Minx als Sallie Sahne?

Eva Lutz: Aktuell ja. Das war aber auch schon einmal anders. Sallie Sahne hat anfangs mehr Umsatz gemacht als Minx. Leider haben aber viele Boutiquen geschlossen, dadurch haben wir mit Sallie Sahne an Umsatz verloren.

Die Nachfrage nach Plus Size Fashion ist groß. Die mangelnde Auswahl wird oft kritisiert. Liegt es am fehlenden Angebot?

Eva Lutz: Es fehlen vor allem Mitbewerber. Und es liegt mit am Angebot. Wenn ein Einzelhändler das Konzept Plus Size machen will, ist er an wenige Labels gebunden.

Stehen Sie manchmal vor Ihrem Kleiderschrank und fragen sich „Was soll ich anziehen?“

Eva Lutz: Nein. Ich bin sehr unterschiedlich in meinen Looks und mag viele verschiedene Styles. Heute trage ich zum Beispiel mal ein kleines Schwarzes. Generell kleide ich mich aber gern lässig und bevorzuge Looks, die ich durch Kleinigkeiten immer wieder neu verändern kann, z.B. durch eine andere Strumpfhose, andere Schuhe… und schon ist man ausgehfertig.

Es fällt auf, dass Designer sich gern schwarz kleiden.

Eva Lutz: Das ist heute Zufall bei mir. In den 80ern habe ich nur Schwarz getragen. Da war ich aber nicht die Einzige. (Sie lacht.) Ich ziehe zwar wenig Farbe an, trage aber viele edle und ruhige Töne, die schräg untereinander kombinierbar sind.

Haben Sie eine Lieblingsdesignerin, einen Lieblingsdesigner?

Eva Lutz: Das wechselt bei mir. Auf jeden Fall gehört Tom Ford dazu. Auch die Kollektionen von Bottega Veneta mag ich sehr gern. Der Stil der Marke verändert sich zwar immer wieder, aber dennoch ist stets eine Handschrift zu erkennen. Das finde ich klasse und wünsche mir das gleiche für meine Labels.

Tom Ford ist minimalistisch. Vergleichbar mit Minx und Sallie Sahne.

Eva Lutz: Ja. Und trotzdem verändert er sich. Das ist mir auch bei meinen Kollektionen immer wichtig.

Letztes Jahr lief das erste Mal ein Plus Size Model auf der Fashion Week. Es war die Minx-Modenschau. War das mutig oder überfällig?

Eva Lutz: Diese Idee hatte ich schon lange im Kopf. Ich hatte oft den Gedanken, dass ein Minx Kleid an einer Frau mit Größe 42/44 ebenso toll aussieht wie an einer mit Größe 34 und dass man das an das Publikum transportieren muss. Als ich dann das Fotoshooting mit Aglae Dreyer für das Sallie Sahne Prospekt hatte, wusste ich, sie ist die Richtige, mit ihr kann ich mein Vorhaben umsetzen. Durch einige Internetrecherche bin ich schließlich noch auf Angelina Kirsch gestoßen. Es gibt im Netz viele tolle Plus-Size-Frauen, aber das muss ich euch nicht sagen. (Sie lacht.)

Waren Sie gespannt wie das Publikum reagiert?

Eva Lutz: Klar war ich aufgeregt. Wir kriegen hinter der Bühne ja auch nichts mit. Wir hören kein Klatschen und kein gar nichts. Hinterher habe ich dann mitbekommen, wie die Reaktion war. Und ich dachte mir: Wow … Besser hätte es ja gar nicht sein können. Das war alles einfach überzeugend. Ich wusste, es war der richtige Moment.

Diesen Januar kam der nächste Schritt. Ein Model mit natürlich grauem Haar.

Eva Lutz: Ja. Vor einem halben Jahr habe ich gezeigt, dass Mode größenlos ist. Und jetzt habe ich gezeigt, dass sie alterslos ist. Es war eine Fortführung vom Sommer, um zu zeigen, wie vielfältig die Kollektion ist.

War das mutig?

Eva Lutz: Nein. (Sie lacht.) Wenn ich überzeugt bin, ist es nicht mutig.

Es gibt von Ihnen den Satz: „Trend ist immer ein Stück Zeitgeist“. Woher nehmen Sie das Gefühl, die Inspiration für die Trends?

Eva Lutz: Nun, ich lebe in diesem Job (lacht). Ich erkenne es einfach. Es ist so, dass man Einflüsse aufsaugt. Ich kriege alle Veränderungen mit. Inspiration bekomme ich durch die verschiedensten Dinge. Das kann ein Film sein, ein Kunstwerk, ein Urlaub, oder etwas in der Natur.

Lassen Sie sich vom Stoff inspirieren, oder haben Sie erst den Schnitt vor Augen?

Eva Lutz: Mich inspiriert immer zuerst der Stoff, darauf baue ich meine Kollektion auf. Viele andere Designer kreieren in Themenwelten, das ist bei mir nicht so. Durch die Stoffe entsteht bei mir ein grobes Konzept im Kopf, das ich über die Zeit verfeinere. Ich bin auch ein sehr haptischer Mensch, ich muss die Qualitäten fühlen und davon überzeugt sein. Ich denke, das wissen auch meine Kundinnen zu schätzen.

Kommt erst der Minx-Gedanke und dann Sallie Sahne?

Eva Lutz: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal habe ich das Gefühl, Minx inspiriert die Sallie Sahne Kollektion, dann ist es wieder umgekehrt. Ich versuche immer, so viele Entwürfe wie möglich auch für die jeweilige andere Marke umzusetzen.

Minx und Sallie Sahne geben ein sehr einheitliches Bild nach außen.

Eva Lutz:  Ja, das freut mich sehr! Bei unseren Fashion Shows wird mir oft von Zuschauern gesagt, dass sie das Gefühl haben, mit den Models auf einer Ebene zu stehen. Sowohl unsere Kundinnen von Minx als auch von Sallie Sahne spüren die Sorgfalt, die Wertigkeit und den Qualitätsanspruch, mit denen die Stücke hergestellt wurden.

Die Stoffe von Minx und Sallie sind identisch. Die Schnitte vergleichbar, lediglich da angepasst, wo es von den Größen her nötig ist.

Eva Lutz: Als ich angefangen habe, gab es Mitbewerber, die mir sagten, das kannst du so nicht machen. Du brauchst für Plus Size andere Qualitäten. Das stimmt überhaupt nicht. Ich verwende kaum andere Stoffe … Wenn ein Stoff zu steif ist, nehme ich ihn nicht für Sallie Sahne.

Passiert es, dass Sie ein Outfit entwerfen und merken, die Zeit ist noch nicht reif?

Eva Lutz: Nein, das habe ich nicht. Ich zeichne immer nur für die eine Kollektion. Natürlich habe ich Skizzen, die ich aufhebe. Aber ich gucke sie nur durch und nach einer Weile werfe ich sie weg.

Ökomode und Ökostoffe. Ist das ein Thema für Sie?

Eva Lutz: Wir achten generell sehr auf unsere Qualitäten und kaufen nur qualitätsgeprüfte Stoffe in Europa. Die Trends im ökologischen Bereich verfolge ich gespannt und bin sehr an Innovationen interessiert. Allerdings sind oftmals die Produktionsprozesse noch nicht so weit, dass man schon damit arbeiten könnte. Mir sind vor allem pflegeleichte und alltagstaugliche Qualitäten wichtig, die trotzdem modern sind.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

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  1. Annette Sax

    Toller Stil, zeitlos elegant, wunderbar zu tragen – ich bin seit über 25 Jahren ein Fan von Minx. Schon immer edlen Stoffen und hochwertiger Kleidung verfallen, wähnte ich mich damals als Studentin, auf einem Special Sale auf Gut Strehlhof, im Paradies. Für meine kurvigen Kundinnen ist Sallie Sahne meine erste Empfehlung.

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