Viele Frauen kennen das Dilemma: Schuhe, die stylisch aussehen, sind nicht wirklich bequem. Sie drücken, engen an den Zehen ein, hinterlassen Druckstellen an den Füßen. Komfort wird oft dem Stil untergeordnet. Ein Agreement, das selten hinterfragt wird. Barfußschuhe versprechen eine Alternative. Doch noch immer haftet ihnen das Image an, zwar funktional, aber eben nicht wirklich modisch zu sein.
– Foto: Silvia Brindlmayer, Co-Founder und CEO von BLUSUN –
Dabei hat sich der Blick auf Schuhe längst verschoben. Sneaker haben den Sprung von der Freizeit in Business- und teils sogar Abendlooks geschafft. Selbst ehemals reine Gesundheitsschuhe wie Birkenstocks sind auf den Runways angekommen und werden sogar zu Hochzeitsmode inszeniert. Bequemlichkeit nicht als Gegenentwurf zur Ästhetik, sondern als ein Teil davon.
Silvia Brindlmayer denkt diesen Wandel weiter. Sie ist Co-Founder und CEO von BLUSUN und prägt dort das Design. Ihr Ansatz ist es, vom Fuß aus zu denken, statt gegen ihn zu entwerfen, und trotzdem die Ästhetik im Auge zu behalten. Den Füßen zuliebe soll das, was früher nach „Gesundheitsschuh“ aussah, zunehmend zu einem selbstverständlichen Teil unserer Styles werden. Vielleicht sogar mit dem Potenzial, den klassischen Sneaker im Alltag abzulösen?
Im Interview spricht Silvia über Fußgesundheit, über Design als Balanceakt und über die neue Selbstverständlichkeit von Barfußschuhen.
Silvia, trägst Du ab und zu High Heels?
Silvia: Ich trage keine High Heels. Ich liebe Schuhe und gutes Design, aber für mich muss ein Schuh heute mehr können, als nur gut aussehen. Er soll den Fuß nicht einengen, sondern ihm Raum geben und natürliche Bewegung zulassen.
Wie ist die Idee zu BLUSUN entstanden?
Silvia: Mich hat schon lange beschäftigt, warum man sich beim Schuh oft zwischen Funktion und Ästhetik entscheiden soll. Genau daraus ist die Idee zu BLUSUN entstanden: Schuhe zu entwickeln, die den Fuß respektieren und trotzdem modern, hochwertig und alltagstauglich aussehen. Es war weniger ein einziger Moment als vielmehr die klare Überzeugung: Das muss auch anders gehen.
Was fasziniert Dich an der Idee des Barfußgehens?
Silvia: Mich fasziniert, dass der Fuß ein hochkomplexes Bewegungs- und Sinnesorgan ist und wir das im Alltag oft vergessen. Barfußgehen oder barfußnahes Gehen bringt uns wieder näher an diese natürliche Funktion heran: mehr Wahrnehmung, mehr Eigenaktivität, mehr Bewusstsein für Bewegung.

Barfußschuhe werden mit besserer Fußgesundheit in Verbindung gebracht. Was passiert mit unseren Füßen, wenn wir beginnen, regelmäßig Barfußschuhe zu tragen?
Silvia: Viele Menschen spüren zunächst vor allem eines: mehr Bodenkontakt und mehr Training für die Füße. Das heißt, der Fuß wird wieder aktiver, die Zehen haben mehr Platz, und auch die Muskulatur in Fuß und Wade wird stärker gefordert. Genau deshalb ist ein langsamer Einstieg wichtig. Studien deuten darauf hin, dass regelmäßiges Tragen minimalistischer Schuhe die Fußmuskulatur stärken kann, aber die Umstellung sollte schrittweise erfolgen.
Viele tragen orthopädische Einlagen. Können Barfußschuhe Einlagen ersetzen?
Silvia: Das kann man nicht pauschal beantworten. Einlagen und Barfußschuhe erfüllen oft unterschiedliche Funktionen. Eine Einlage stützt, während ein Barfußschuh dem Fuß eher Raum gibt und ihn zur Eigenaktivität und Muskelaufbau einlädt. Deshalb würde ich nie sagen, dass Barfußschuhe grundsätzlich Einlagen ersetzen, können aber eine wertvolle Alternative sein.
Können sie dazu beitragen, dass Einlagen weniger notwendig werden?
Silvia: Bei manchen Menschen kann sich das so entwickeln, vor allem dann, wenn sich Fußmuskulatur, Beweglichkeit und Körperwahrnehmung verbessern. Aber das ist immer individuell und kein Automatismus.
Wie lange dauert es, bis sich Füße und Muskulatur an Barfußschuhe gewöhnt haben?
Silvia: Das ist sehr individuell. Manche Menschen fühlen sich sofort wohl, andere brauchen mehrere Wochen oder auch einige Monate. Studien zu minimalistischen Schuhen zeigen Anpassungen eher über einen längeren Zeitraum als von heute auf morgen, genau deshalb bin ich ein großer Fan einer realistischen, geduldigen Umstellung.
Ich empfehle eine Eingewöhnungsphase. Der Fuß darf wieder mehr arbeiten, und das ist etwas Positives, aber eben auch eine Umstellung. Wer langsam startet, gibt Muskulatur, Sehnen und dem gesamten Bewegungsablauf die Chance, sich gesund anzupassen.
Vor allem Menschen, die jahrelang sehr stark gedämpftes oder stützendes Schuhwerk getragen haben, sollten sich Zeit geben. Auch bei bestehenden Beschwerden, nach Verletzungen oder wenn die Füße sehr sensibel sind, ist ein behutsamer Einstieg sinnvoll. Der Fuß braucht die Chance, sich schrittweise an die neue Aufgabe zu gewöhnen.
Sind Barfußschuhe auch für Menschen mit höherem Körpergewicht geeignet?
Silvia: Auf jeden Fall. Entscheidend sind aus meiner Sicht vor allem Passform, ein angenehmes Laufgefühl und eine kluge Eingewöhnung. Mit höherem Körpergewicht steigen die Belastungen auf den Fuß insgesamt, deshalb sollte man besonders auf Komfort, eine gute Größenwahl und einen langsamen Einstieg achten.

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Spielt das Körpergewicht beim Design von Barfußschuhen eine Rolle?
Silvia: Ja, insofern als ein guter Schuh für unterschiedliche Belastungen zuverlässig funktionieren muss. Beim Design achten wir deshalb sehr genau auf Materialqualität, Flexverhalten, Halt an der Ferse und darauf, dass die Sohle zwar flexibel ist, aber trotzdem eine saubere, stabile Führung im Bewegungsablauf ermöglicht.
Welche Vorteile gibt es für Mehrgewichtige beim Tragen von Barfußschuhen?
Silvia: Viele empfinden es als sehr angenehm, wenn der Fuß mehr Platz bekommt und nicht mehr in eine enge, vorgegebene Form gedrückt wird. Gleichzeitig darf der Fuß in Barfußschuhen wieder aktiver arbeiten, was die Muskulatur im Fuß und oft auch in der Wade stärker einbezieht. Dadurch können Balance, Körperwahrnehmung und das Ganggefühl positiv beeinflusst werden.
Über diese aktivere Arbeit der Muskulatur kann auch die Durchblutung unterstützt werden, und viele Menschen haben insgesamt das Gefühl, sich wacher, aktiver und natürlicher zu bewegen. Im weiteren Sinne kann das auch den Stoffwechsel anregen, weil der Körper wieder mehr Eigenarbeit leisten muss. Dazu können weitere positive Effekte kommen, etwa ein bewussteres Gehen, ein besseres Gefühl für die eigene Haltung und oft auch mehr Vertrauen in die natürliche Funktion des Fußes. Gerade hier gilt aber besonders: langsam starten und dem Körper Zeit geben.
Gelten beim Design andere Regeln als bei klassischen Schuhen?
Silvia: Bei Barfußschuhen entwirfst du nicht gegen den Fuß, sondern vom Fuß aus. Das heißt: natürliche Zehenform, keine unnötige Sprengung*, hohe Flexibilität, geringes Gewicht und ein Bewegungsgefühl, das möglichst wenig stört. Gleichzeitig muss der Schuh natürlich trotzdem alltagstauglich, langlebig und optisch überzeugend sein.
*) Anmerkung der Red.
Sprengung bei Schuhen meint den Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß. Also mit welcher Neigung man im Schuh steht. Das beeinflusst den Laufstil, das Abrollverhalten und die Fußbelastung. Sportliche Laufschuhe haben ca. 4 bis 9 mm. Manchmal bis 13 mm. Neutral-/Barfußschuhe meist 0 bis 4 mm.
Welche Rolle spielen Zehenfreiheit, Flexibilität oder Sohlendicke bei der Entwicklung eines Modells?
Silvia: Das sind absolute Kernthemen. Zehenfreiheit ist wichtig, damit der Vorfuß arbeiten kann und die Zehen nicht permanent zusammengedrückt werden. Flexibilität entscheidet darüber, ob der Schuh Bewegung zulässt oder blockiert. Und bei der Sohlendicke geht es darum, die richtige Balance zu finden: so viel Schutz wie nötig, so wenig Einschränkung wie möglich.

Wie verbindest Du Funktionalität und Ästhetik?
Silvia: Genau darin liegt für mich die eigentliche Designaufgabe. Ich will keine Schuhe entwickeln, die nur funktional argumentieren. Ich möchte, dass jemand sie sieht und denkt: Die sind schön und dann erst merkt, wie gut sie sich auch anfühlen. Für mich ist gutes Design dann erreicht, wenn Funktion nicht wie Verzicht aussieht.
Viele Frauen finden Barfußschuhe nicht stylisch genug…
Silvia: Ich kann diesen Eindruck verstehen, weil Barfußschuhe lange sehr funktional gedacht wurden. Aber genau das verändert sich gerade. Man muss sich heute nicht mehr zwischen Stil und einem natürlicheren Laufgefühl entscheiden.
Mein Ziel ist es, Barfußschuhe so zu gestalten, dass sie modern, hochwertig und selbstverständlich wirken, ohne die natürliche Form des Fußes zu verstecken.
„Gesundheitslatschen“, wie die von Birkenstock, sind auf den Runways der Fashion Weeks zu sehen. Kannst Du Dir diese Entwicklung auch bei Barfußschuhen vorstellen?
Silvia: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Wir stehen hier erst am Anfang. Sobald Design, Materialität und Markenbild noch stärker zusammenfinden, werden Barfußschuhe für viel mehr Menschen interessant, nicht nur als funktionale Entscheidung, sondern auch als selbstverständlicher Teil moderner Styles.

Viele Frauen sind neugierig auf Barfußschuhe. Was empfiehlst Du Einsteigerinnen?
Silvia: Ich würde mit einem alltagstauglichen Modell starten. Lieber erst kurze Wege, Spaziergänge oder ein paar Stunden im Alltag statt direkt den ganzen Tag. Wichtig ist, bewusst hinzuspüren: Wie reagieren Füße, Waden und der gesamte Bewegungsapparat?
Ist ein Mix aus Barfußschuhen im Alltag und Pumps zum Ausgehen sinnvoll?
Silvia: Ich sehe das nicht dogmatisch. Entscheidend ist für mich, was wir überwiegend tragen, also was im Alltag der Standard ist. Wenn jemand im täglichen Leben oft fußfreundliche Schuhe trägt und zu besonderen Anlässen mal Pumps anzieht, ist das etwas anderes, als wenn enge oder hohe Schuhe der Dauerzustand sind.
Können sich Füße in Barfußschuhen „erholen“, so dass sie gestärkt sind, wenn man „ungesunde“ Pumps trägt?
Silvia: Man kann zumindest sagen, dass der Fuß im Alltag wieder mehr natürliche Arbeit leisten darf und dadurch aktiver werden kann. Das kann eine gute Grundlage sein. Aber ich würde trotzdem nicht so weit gehen zu sagen, dass dadurch jede Belastung durch hohe oder enge Schuhe automatisch ausgeglichen wird.
Du beschäftigst Dich täglich mit Füßen, Bewegung und Schuhdesign. Achtest Du auf die Schuhe anderer Menschen?
Silvia: Absolut. Das passiert ganz automatisch. Ich schaue oft zuerst auf die Schuhe und dann darauf, was sie mit der Haltung und dem Gangbild machen. Das ist wahrscheinlich Berufsneugier, aber es zeigt auch, wie viel Schuhe über Bewegung erzählen.

