Was ist Intuitives Essen, Dr. Antonie Post?

Kinder essen meist worauf sie Lust haben. Als Erwachsener ist das schon nicht mehr so leicht, plagt uns doch häufig das schlechte Gewissen, wenn wir nur ans Essen denken.

– Dr. Antonie Post | Foto Nina Wellstein – 

Wie haben wir das intuitive Essen verlernt?

Dr. Antonie Post: Viele von uns kommen mit einem natürlichen Gespür für Hunger, Sättigung und Vorlieben zur Welt – man sieht das gut bei kleinen Kindern, die essen, wenn sie hungrig sind, aufhören, wenn sie satt sind, und ganz klar sagen, worauf sie Lust haben – und noch deutlicher zeigen, wenn sie etwas nicht essen wollen.

Durch äußere Einflüsse verlieren aber viele dieses Vertrauen in den eigenen Körper. Das können Sätze sein wie „Iss deinen Teller leer“ oder „Erst das Gemüse und dann der Nachtisch“. Auch Lob für ein „braves“ Essverhalten können Signale überdecken. Später prägen Diätregeln, Gesundheitstipps, gesellschaftliche Ideale und die Angst, etwas „Falsches“ zu essen oder Gewicht zuzunehmen, unser Verhältnis zum Essen. Statt auf den Körper zu hören, verlassen wir uns dann auf äußere Regeln – und das kann das intuitive Essen im Erwachsenenalter erschweren.

Was genau bedeutet „intuitives Essen“ – und wie unterscheidet es sich von der Diätkultur und einem kontrolliertem Essverhalten?

Dr. Antonie Post: Viele Menschen denken, intuitiv zu essen bedeutet einfach zu essen, wenn man hungrig ist und aufzuhören, wenn man satt ist oder, dass man einfach isst, worauf man Lust hat. Das wird dem Konzept aber nicht mal ansatzweise gerecht.

Kurz gesagt schafft das Intuitive Essen die Rahmenbedingungen für ein bedürfnisorientiertes Essverhalten, das aus Selbstfürsorge motiviert ist. Evelyn Tribole und Elyse Resch, zwei US-amerikanische Ernährungswissenschaftlerinnen, haben 1995 ein Buch geschrieben, in denen sie die zehn Prinzipien des Intuitiven Essens beschreiben, die dabei helfen, den Weg zurück zu einem natürlichen Essverhalten zu finden. Dieser beginnt mit dem Wiederentdecken der inneren Körpersignale und dem Loslassen von Schuld- und Kontrollgedanken rund ums Essen.

Intuitives Essen bedeutet also, sich wieder mit den eigenen Körpersignalen zu verbinden – Hunger, Sättigung, Appetit, Energiebedürfnis und Wohlbefinden wahrzunehmen und ihnen zu vertrauen. Es geht darum, Essen nicht zu bewerten, sondern als Teil von Selbstfürsorge, Genuss und Lebensqualität zu sehen.

Im Gegensatz zur Diätkultur, die mit Regeln, Verboten, Gewichtskontrolle und oft auch Angst arbeitet, ist die intuitive Ernährung gewichtsneutral. Sie strebt keine bestimmte Körperform an, sondern eine gute Beziehung zum Essen und zum eigenen Körper. Kontrolliertes Essverhalten verlässt sich auf äußere Vorgaben – zum Beispiel Kalorien, Uhrzeiten oder Listen mit „erlaubten“ Lebensmitteln. Intuitives Essen dagegen orientiert sich an innerem Erleben, individuellen Bedürfnissen und einem respektvollen Umgang mit sich selbst.