Noch immer inszeniert die Hochzeitsbranche ein sehr enges Bild von Brautsein: weiß, normschön, vorhersehbar. Anna Beyer und Wenka Kasper von anwe Bridal stellen sich bewusst gegen diese Ästhetik und die damit verbundenen Brautmoden-Trends. Ihr Ansatz: weniger Konventionen, weniger Perfektionsdurck, mehr Persönlichkeit. Statt sich an vermeintlichen Idealen zu orientieren, rücken sie das „Jetzt“ in den Fokus und damit die Frage, wie sich eine Braut fühlt und nicht, wie sie an ihrem Hochzeitstag aussehen sollte.
– Brautlooks aus dem Portfolio von Anwe Bridal | Foto Kim Spix –
Im Gespräch mit den beiden wird schnell klar, dass es ihnen nicht nur um Kleider geht. Es ist vielmehr ein grundsätzlich anderes Verständnis von Brautmode. Diversität ist für sie Voraussetzung. Körper dürfen sichtbar sein, sich verändern, Raum einnehmen. Gleichzeitig kritisieren sie strukturelle Probleme der Branche, wie etwa eine mangelnde Transparenz bei den Preisen für große Größen oder ein nach wie vor eingeschränktes Angebot jenseits standardisierter Schnitte.
Wir sprechen mit Anna und Wenka darüber, warum „Regeln“ beim Heiraten längst überholt sind, weshalb weniger Auswahl oft zu besseren Entscheidungen führt und wie Bräute ihren eigenen Stil jenseits von Klischees finden.

Ihr grenzt euch von der traditionellen Hochzeitsindustrie ab. Warum? Was unterscheidet euch?
Anna & Wenka: Wir beide sind zwar unverheiratet, aber sind durch Freundinnen in Kontakt mit der Hochzeitsindustrie gekommen und waren erstmal schockiert, da wir erwartet hatten, dass die Hochzeitsindustrie ähnlich wie die Modeindustrie funktioniert, aber weit gefehlt. Es fühlt sich so an, als hinge die Hochzeitsindustrie der Modebranche in Sachen Diversität und Körperbilder zehn Jahre hinterher und auch die Modeindustrie hat noch einen weiten Weg zu gehen. Genau hier wollten wir ansetzen.
Unsere Außenkommunikation unterscheidet sich stark von den klassischen Läden, die mit einem traditionellen Brautbild werben und deren Instagram Accounts vor allem rosa-weiß sind. Wir bemühen uns auch hier immer um Diversität. Und natürlich: die Auswahl an Kleidern und Accessoires. Wir sind immer auf der Suche nach Marken, die sich abseits des Mainstreams und abseits einer Industrie, in der „süß“ und „ultrafeminin“ immer noch das Maß aller Dinge sind, positionieren. Unsere Kleider haben alle einen gewissen „Coolness-Faktor“ und haben nicht den klassischen Brautlook.
Wie würdet ihr den Anwe Signature Bridal Look beschreiben?
Anna & Wenka: Seidenkleid, Statement-Ohrringe, besondere Schuhe
Gibt es Brautlooks, die für euch absolut zeitlos sind?
Anna & Wenka: Eine unserer Designerinnen steht für den Slogan „for the bride of now“ und wir können dem nichts hinzufügen. Es sollte bei dem Brautkleid immer um das „Jetzt“ gehen und nicht darum, ob der Look zeitlos ist und einem noch in 10 Jahren gefällt.
Worauf sollte eine curvy Braut bei der Wahl des Brautmodenateliers achten?
Anna & Wenka: Fühle ich mich durch das Konzept angesprochen? Sehe ich auf der Website/Instagram vielleicht auch schon Fotos von curvy Bräuten? Welche Sample-Größen bietet der Store an? Wenn man unsicher ist, würden wir immer vorschlagen, in direkter Kommunikation mit dem Brautmodenatelier zu gehen und gezielt zu fragen, wie eine Anprobe und ein möglicher Brautkleidkauf ablaufen kann.

Wie bereite ich mich als Braut am besten auf den Brautkleidkauf vor?
Anna & Wenka: Am besten via Instagram & Pinterest ein Gefühl dafür bekommen, was es so gibt. Was für eine Art Braut möchte ich sein? In welcher Kleidung fühle ich mich im Alltag wohl? Was ist mein Style?
Und dann geht es an die Recherche. Vielleicht hast du während des Scrollens bei Instagram Designerinnen oder Designer gefunden, die dir besonders zusagen, und kannst so nach Stores suchen, die sie vertreten. Wir würden immer sagen, man sollte maximal zwei bis drei Läden besuchen, ansonsten wird es schnell zu viel und überladen. Wenn man sich gut kennt, reicht auch häufig ein Laden, wenn es der richtige ist.
Was sind die drei Do’s & Don’ts beim Brautkleidkauf, die jede curvy Braut kennen sollte?
Do’s
- Du sollst dich wohl fühlen.
- Lasse niemanden deinen Körper kommentieren!
- Nimm unbedingt nahtlose, hautfarbene Unterwäsche mit
Don’ts
- Lass dir nicht von anderen Kleider aufdrängen, die du nicht anprobieren möchtest.
- Und nochmal: kein Körper kommentieren.
- Kaufe kein Kleid, für das du abnehmen oder dich verändern musst.

Entwerft ihr selbst Kleider?
Anna & Wenka: Wir designen nicht selbst, geben unseren Designerinnen aber immer Feedback, sodass schon extra für uns Sonderanfertigungen der Kleider gemacht wurden.
Wie entscheidet ihr, mit welchen Designern ihr zusammenarbeitet?
Anna & Wenka: Neben den Designs, die uns sofort ansprechen und natürlich auch zu unseren Kundinnen passen müssen, achten wir, dass wir einen gemeinsamen Ethos haben. Dass auch die Designerinnen „traditionelle Regeln“ brechen wollen, die moderne Braut ansprechen und vor allem auch auf Size Inclusivity achten oder zumindest offen dafür sind, sich hierbei weiterzuentwickeln.
Euer Motto ist „Brides breaking the rules.“ Welche Regeln haltet ihr für überholt und warum sollten sich Bräute trauen, diese zu brechen?
Anna & Wenka: Eigentlich fast alle „Regeln“, die es im Bezug auf die Hochzeit und das Brautkleid gibt, sind überholt und passen nicht mehr zu unserer modernen Gesellschaft. Von „ich muss die beste Version meiner selbst sein“ bis hin zu „der/die Partnerin darf das Kleid nicht vorher sehen“. Gerade der letzte Punkt macht den Kundinnen häufig große Sorge, dabei wollen sie ihr Outfit so gerne zusammen mit der/dem Partnerin finden, weil sie sonst auch zusammen shoppen.
Welche Regeln würdet ihr als Label im Hinblick auf die Brautmodenindustrie gern brechen?
- Anna & Wenka: Hört auf, alles immer an dünnen, weißen Models zu fotografieren! Bietet alle Kleider in allen Größen an und setzt euch damit auseinander, wie Körper sich verändern (z. B. Schnitte an Arm und Rücken). „Curvy“ Kleider müssen nicht immer nach dem gleichen Standard gebaut sein.
Gibt es einen Rat, den ihr angehenden Bräuten mit auf den Weg geben wollt?
Anna & Wenka: Ihr müsst euch für eure Hochzeit nicht verändern, nicht abnehmen, Haare wachsen lassen oder sonst etwas machen. Verschwendet eure Energie nicht für solche Sachen! Bleibt einfach ihr selbst!
– Das Interview führten wir im Vorfeld der PlusPerfekt Edition Curvy Bride 2023/24. –

