Kennst du das? Alte Beziehungsmuster wiederholen sich hartnäckig, obwohl dein Verstand es längst erkannt hat und eigentlich Nein sagt? Der Kern liegt in Bindungsmustern, Verlustprägungen und dem oft übersehenen Einfluss früher Erfahrungen. Wenn sich Nähe wie eine gefährliche Wucht anfühlt oder Liebe ständig von Mangelgefühlen und Verlustängsten begleitet ist, kann auch das Trauma des allein geborenen Zwillings eine Rolle spielen, sagt Anja Bollbach. Sie ist Coach für Beziehungs- und Bindungsdynamiken.
– Sport hilft auch bei Liebeskummer | Foto: Zizzi – Fashion für Cuvys –
Frühe Verlustprägungen & toxische Nähe
Viele Menschen geraten immer wieder in On-off-Beziehungen, emotionale Dreiecke oder Konstellationen, in denen sie um Liebe kämpfen statt Liebe zu leben. Dahinter steckt oft ein altes Muster aus der Kindheit, weiß Anja Bollbach. Wenn Nähe als wechselhaft, überfordernd oder sogar beängstigend erlebt wurde, verknüpft das Nervensystem Liebe mit Stress und Alarmbereitschaft, erklärt sie. Dann fühle sich ein Partner, der dich wirklich sieht und bleibt, ungewohnt und irritierend an, während der emotional distanzierte oder narzisstische Partner paradox vertraut wirke.
Das Trauma des allein geborenen Zwillings
Ein Aspekt, der in der klassischen Psychologie noch wenig Beachtung findet, in der Trauma-Arbeit jedoch immer wieder auftaucht ist das Trauma des allein geborenen Zwillings, berichtet Anja. Pränatale Forschung und klinische Beobachtung weisen darauf hin, dass Mehrlingsschwangerschaften häufiger sind, als später zur Geburt kommen. Stirbt ein Zwilling früh im Mutterleib, könne der überlebende Zwilling diese Erfahrung unbewusst als massiven Verlust abspeichern.
Dieses sehr frühe Verlusttrauma könne sich später in einem intensiven Gefühl von innerer Leere, existenzieller Sehnsucht und dem Drang äußern, in der Liebe eine fehlende Hälfte zu finden. „Menschen mit dieser Prägung schildern oft magische, überwältigende Anziehungen zu bestimmten Partnern, erleben Dualseelen**-Dynamiken, extreme Verlustangst und ein kaum kontrollierbares Festhalten, selbst wenn die Beziehung schadet“, erklärt der Beziehungscoach. „Was von außen wie Irrationalität wirkt, ist auf der Ebene des Nervensystems der Versuch, einen uralten Verlust endlich rückgängig zu machen.“
Warum positives Denken allein nicht reicht
Viele Ratgeber versprechen schnelle Lösungen mit Affirmationen, Manifestationsritualen oder spirituellen Deutungen. „Wenn du jedoch ein tief verankertes Bindungstrauma in dir trägst, prallen positive Gedanken häufig an einem Nervensystem ab, das auf Gefahr programmiert ist“, weiß Anja. Dann könne man sich noch so oft sagen, man habe eine gesunde Beziehung verdient – in dem Moment, in dem eigentlich echte Nähe entstehen könnte, würden unbewusste Schutzprogramme das Steuer übernehmen.
Auch eine rein spirituelle Zuschreibung im Sinne von „du musst nur loslassen“ oder „ihr seid karmisch verbunden“, könne zur Sackgasse werden. Laut Anja erklärt sie zwar das Erleben, biete aber selten einen konkreten Weg, wie sich das Nervensystem beruhigen und ein neues Beziehungserleben wirklich einüben lässt.
Wege aus der Warteschleife
Für einen lösungsorientierten Weg brauche es wissenschaftsbasierte und psychologisch nachvollziehbare Prozesse. Dualseelenkonstellationen* könne man als Ausdruck alter Bindungsmuster, Verlusttraumata und Nervensystemdynamiken verstehen, die sich in extrem verdichteter Form zeigen.
„Erst wenn du erkennst, dass deine aktuelle Partnerwahl eine logische Folge deiner Bindungsgeschichte und möglicher früher Verlusttraumata ist, kannst du bewusst anders wählen. In dieser radikal ehrlichen und zugleich mitfühlenden Selbstbetrachtung, liegt der Punkt, an dem toxische Kreisläufe enden und wirklich neue Beziehungen beginnen können.“
Es beginnt mit dem Verstehen
Am Ende geht es nicht darum, sich für die „falschen“ Beziehungen zu verurteilen, sondern die innere Logik dahinter zu erkennen.Beziehungsmuster sind keine Schwäche, sondern entstehen aus frühen Bindungs- und Beziehungserfahrungen, die unser Gehirn und Nervensystem geprägt haben. „Wenn du beginnst, diese Prägungen behutsam zu verstehen und zu regulieren, entsteht Schritt für Schritt etwas Neues: Wahlfreiheit.“
Aus diesem Gefühl von Sicherheit heraus wird Liebe nicht länger zum Kampf oder zur Suche nach einer verlorenen Hälfte, sondern zu einer bewussten Begegnung auf Augenhöhe. Professionelle Begleitung kann diesen Prozess erleichtern und helfen, alte Bindungs- und Verlustmuster zu lösen.
Anja Bollbach ist Coach für Beziehungs- und Bindungsdynamiken. Ihr Schwerpunkt ist das Thema „verlorener Zwilling“. In zahlreichen Beratungen im In- und Ausland hat sie Menschen dabei begleitet, früh geprägte emotionale Muster zu erkennen und zu verändern. Ihr Ansatz verbindet psychologisches Verständnis mit Prozessarbeit – mit dem Ziel, mehr Selbstklarheit und Handlungsspielraum in Beziehungen zu entwickeln.

*) Der Begriff „allein geborener Zwilling“ bezieht sich auf das medizinisch bekannte Vanishing-Twin-Phänomen, bei dem ein Mehrlingsfötus sehr früh in der Schwangerschaft verloren geht. Die darüber hinaus verbreitete Annahme eines daraus resultierenden, lebenslang wirksamen „Traumas des allein geborenen Zwillings“ entstammt jedoch nicht der evidenzbasierten Medizin oder der anerkannten Psychotraumatologie. Sie wird vor allem in tiefenpsychologischen, prä- und perinatalpsychologischen sowie teilweise spirituellen Kontexten diskutiert.
Wissenschaftlich belastbare Belege für ein spezifisches, eindeutig zuordenbares Trauma im Sinne einer medizinischen Diagnose liegen bislang nicht vor. Gleichwohl berichten einzelne Menschen, dass dieses Deutungsmodell ihnen hilft, persönliche Erfahrungen von Verlust, Bindung oder Beziehungsmustern zu reflektieren. In diesem Beitrag wird der Begriff daher nicht als medizinische Tatsache verstanden, sondern als subjektives Erklärungs- und Deutungsnarrativ, das kritisch eingeordnet werden muss.
**) Der Begriff „Dualseelen“ stammt aus der spirituellen Szene und beschreibt eine besonders intensive Verbindung zwischen zwei Menschen, die sich als „zwei Teile einer Seele“ verstehen. Ein „Dualseelen-Pfad“ bezeichnet dabei den oft emotional herausfordernden Entwicklungsprozess, den beide nach ihrer Begegnung durchlaufen. Wissenschaftlich ist dieses Konzept nicht belegt und wird häufig als Deutung komplexer Beziehungsdynamiken verstanden.
