Wenn der Schlaf nicht kommen will: Wien setzt auf den Klang von Gold

Der Weltschlaftag ist gewöhnlich Anlass für medizinische Ratschläge oder Lifestyle-Tipps. In Wien jedoch wird der 13. März in diesem Jahr mit einer Idee begangen, die eher an ein kulturwissenschaftliches Experiment erinnert. Unter dem Titel „Vienna Gold Noise“ hat der Vienna Tourist Board eine Playlist veröffentlicht, die beim Einschlafen helfen soll – nicht mit gewöhnlichen Naturgeräuschen, sondern mit den akustisch übersetzten Lichtfrequenzen goldener Wiener Kunstwerke und Bauwerke.

– „Vienna Gold Noise“ – eine Aktion zum Weltschlaftag | Foto: Alexander via Unsplash – 

Die Initiative verbindet wissenschaftliche Messungen, digitale Klanggestaltung und ein kulturelles Motiv, das mit der österreichischen Hauptstadt seit Jahrhunderten verbunden ist: Gold.

Weltschlaftag: Vom Licht zum Klang

Ausgangspunkt des Projekts ist eine Beobachtung aus der Schlafforschung. Viele Anwendungen für Entspannung und Schlaf setzen auf sogenanntes „Pink Noise“, ein Klangspektrum, das als beruhigend gilt. Eine Studie der University of Pennsylvania deutet jedoch darauf hin, dass diese Klangform nicht in jedem Fall schlaffördernd wirkt.

In Wien suchte man daher nach einem anderen Ansatz und fand ihn im wahrsten Sinne des Wortes im Glanz der Stadt. Forschende der TU Wien analysierten mithilfe hochauflösender Spektrometrie die Lichtfrequenzen, die von goldenen Oberflächen bedeutender Wiener Kulturorte reflektiert werden. Diese Frequenzen wurden anschließend in hörbare Schallwellen übersetzt. Ein Verfahren, das in der Wissenschaft als „Sonifikation“ bezeichnet wird.

Auf diese Weise entstand eine ungewöhnliche akustische Topografie der Stadt. Zu hören sind unter anderem die „Klänge“ der Wiener Staatsoper, der Kirche Kirche am Steinhof von Otto Wagner sowie der historischen Reichskrone in der Kaiserliche Schatzkammer Wien. Besonders symbolträchtig ist jedoch die akustische Übersetzung eines der berühmtesten Kunstwerke der Stadt: „Der Kuss“ von Gustav Klimt, ausgestellt im Belvedere Museum.

Klimts Gold als Klanglandschaft

Kaum ein Künstler steht so sehr für die goldene Bildsprache Wiens um 1900 wie Gustav Klimt. Der Maler, Mitbegründer der Wiener Secession, entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts jene ikonische Phase seines Werkes, die heute als „Goldene Periode“ bezeichnet wird.

In Gemälden wie „Der Kuss“ oder „Judith“ verband Klimt ornamental wirkende Goldflächen mit figurativer Malerei. Inspiriert wurde diese Technik unter anderem von byzantinischen Mosaiken, die er auf Reisen nach Ravenna gesehen hatte. Gold wurde bei Klimt weniger als dekoratives Element verstanden denn als symbolische Ebene: als Ausdruck von Transzendenz, Sinnlichkeit und zeitloser Schönheit.

Dass ausgerechnet dieses Gold nun in Klang übersetzt wird, besitzt daher eine gewisse Ironie und zugleich poetische Konsequenz. Was bei Klimt ursprünglich Licht reflektierte, wird nun in akustische Frequenzen transformiert.

Vienna Gold Noise: Wiegenlied statt Klangteppich

Die vier jeweils rund fünfminütigen Tracks der Playlist kombinieren diese „goldenen“ Frequenzen mit einem weiteren Element Wiener Musiktradition. Neu aufgenommene Summ-Passagen der Wiener Sängerknaben sowie der Wiener Chormädchen greifen das berühmte Wiegenlied von Johannes Brahms auf. Allerdings ohne Text und stark verlangsamt.

Ergänzt wird der Klang durch dezente Atemgeräusche und weiche menschliche Klangtexturen. Komponiert wurde das Projekt unter anderem von dem Wiener Musiker und Universitätsprofessor Walter Werzowa, der mit seiner Initiative HealthTunes seit Jahren an musikalischen Anwendungen im Gesundheitsbereich arbeitet.

 

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Klang für Hotels, Züge und Flugzeuge

Die Playlist ist seit Anfang März auf Spotify verfügbar und wird über eine eigene Website zugänglich gemacht. Gleichzeitig findet sie auch außerhalb der digitalen Plattformen Verwendung: Einige Wiener Luxushotels integrieren die Klanglandschaften bereits in ihre Zimmerangebote, etwa als Teil von Turn-down-Ritualen oder sogenannten Pillow-Menüs.

Auch unterwegs soll der Wiener Goldklang präsent sein. In den Nachtzügen der Österreichische Bundesbahnen kann die Playlist über das Railnet-System der Nightjet-Verbindungen abgerufen werden. Ab Sommer soll sie zudem im Bordprogramm von Austrian Airlines erscheinen.

Die akustische Stadt

Mit „Vienna Gold Noise“ entsteht eine ungewöhnliche Form der Stadtinszenierung. Wien wird nicht nur als Ort der Musik oder der Kunst präsentiert, sondern als akustisch erfahrbare kulturelle Landschaft.

Dass ausgerechnet Gold, das traditionell mit Sichtbarkeit und Glanz verbunden ist, zur Grundlage einer Klangwelt wird, verweist auf eine zentrale Idee der Sonifikation: Dinge hörbar zu machen, die bislang nur gesehen werden konnten.

Und vielleicht liegt gerade darin der eigentliche Reiz dieser Playlist. Sie lädt dazu ein, eine Stadt nicht nur zu betrachten, sondern ihr zuzuhören – im Idealfall kurz bevor man einschläft.