Makellose Haut, perfekte Body Types und scheinbar mühelose Schönheit. Was Erwachsene vielleicht noch als Fake identifizieren können, gehört für viele Kinder und Jugendliche zur Realität und damit zu Vergleichen, bei denen ihr Spiegelbild nicht mithalten kann.
– Reales Foto, mit Beauty-Filter oder KI | Foto: Anna Nekrashevich via Pexels –
Studien zeigen, dass die permanente Konfrontation mit idealisierten Körperdarstellungen das Risiko für Körperbild- und Essstörungen erhöhen kann. Eine häufig diskutierte Gegenmaßnahme ist deshalb die Kennzeichnung bearbeiteter oder künstlich erzeugter Bilder. Ein aktuelles Gutachten zeigt, dass dieser Ansatz allein kaum ausreichen dürfte.
Das mögliche Paradox der Kennzeichnung
Zu diesem Ergebnis kommt das Leibniz-Institut für Medienforschung, Hans-Bredow-Institut (HBI) in einem Gutachten für die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Die Untersuchung befasste sich mit der Frage, ob Kennzeichnungspflichten für manipulierte oder KI-generierte Bilder geeignet sind, junge Menschen vor den negativen Auswirkungen auf das eigene Körperbild zu schützen.
Die Antwort fällt differenziert aus. Zum einen wäre eine wirksame gesetzliche Kennzeichnungspflicht innerhalb des bestehenden medienrechtlichen Rahmens mit erheblichen rechtlichen und praktischen Herausforderungen verbunden. Zum anderen weist die aktuelle Forschung auf ein mögliches Paradox hin. Markierte Inhalte könnten mehr Aufmerksamkeit generieren und dadurch sogar eine intensivere Auseinandersetzung mit unrealistischen Schönheitsidealen fördern. Im ungünstigsten Fall würde damit genau der Effekt verstärkt, den die Kennzeichnung eigentlich verhindern will.

Warum der Blick auf Algorithmen wichtig sein könnte
Statt allein auf Warnhinweise zu setzen, rückt das Gutachten die Empfehlungsmechanismen sozialer Netzwerke in den Fokus. Plattformen entscheiden mit ihren Algorithmen maßgeblich darüber, welche Inhalte die Nutzerinnen und Nutzer zu sehen bekommen. Werden immer wieder ähnliche Körperbilder ausgespielt, können sich gerade bei Kindern und Jugendlichen enge und unrealistische Schönheitsnormen verfestigen.
Dr. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der KJM und Direktor der Medienanstalt Rheinland-Pfalz, sieht die Plattformen stärker in der Verantwortung. Mit großer Reichweite gehe auch große Verantwortung einher. Algorithmen würden dort ansetzen, wo das Gehirn junger Menschen noch nicht vollständig ausgereift sei und besonders empfänglich auf digitale Reize reagiere.
Auch Dr. Stephan Dreyer, Senior Researcher für Medienrecht und Media Governance am HBI, plädiert dafür, die Debatte breiter zu führen. Kennzeichnungspflichten seien anspruchsvolle Steuerungsinstrumente. Wenn das Ziel darin bestehe, die Unzufriedenheit junger Menschen mit dem eigenen Körper nicht weiter zu verstärken, müssten aber auch alternative Ansätze diskutiert werden. Besonders vielversprechend seien Maßnahmen für eine altersgerechtere Gestaltung von Social-Media-Plattformen.
Vielfalt statt immer gleicher Schönheitsideale
Als mögliche Gegenmaßnahme nennt das Gutachten die Anpassung von Empfehlungslogiken. Plattformen könnten vielfältigere und realistischere Körperdarstellungen stärker sichtbar machen oder Nutzerinnen und Nutzer auf besonders einseitige Inhalte aufmerksam machen. Denkbar wären freiwillige Maßnahmen ebenso wie Lösungen im Rahmen des Digital Services Act.
Für Eva-Maria Sommer, Direktorin der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein, sind die Ergebnisse des Gutachtens vor allem eine Einladung zum Handeln. Kinder hätten ein Recht auf digitale Teilhabe, ohne dadurch Schaden zu nehmen. Die vorgeschlagenen Alternativen seien ein Angebot an die Branche, gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln, bevor gesetzgeberische Eingriffe notwendig werden.
Die KJM will die Ergebnisse nun in Gesprächen mit Plattformbetreibern und politischen Entscheidungsträgern einbringen. Im Mittelpunkt steht dabei eine Frage, die über die Kennzeichnung einzelner Bilder hinausgeht. Nicht nur der Inhalt selbst prägt das Körperbild junger Menschen, sondern auch die Mechanismen, die darüber entscheiden, welche Inhalte immer wieder im Feed erscheinen.
– Werbung –

Entdecke mehr von PlusPerfekt
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
