Christine Ferst alias CultureCurves

Fat Lawyer Coming Through – Macht Platz für die dicke Anwältin!

Mal ganz im Ernst: Als dicke Person bin ich sehr sichtbar. Als dicke Frau wird es noch komplizierter, wie Leute mich in der Öffentlichkeit sehen, in meiner eigenen Familie, in der Liebe (als ich noch gedatet hatte) und auf der Arbeit. Als dicke Frau breche ich jedes Mal die Normen, die uns Frauen ununterbrochen aufgetragen werden.

Da dicke Frauen selten als feminin genug angesehen werden, bekommen sie meistens nicht den Respekt, den Frauen mit normalem Körpergewicht erlangen.

In einer Gesellschaft, in der die Frau so zierlich wie möglich, so sanftmütig und gutwillig wie möglich gewünscht wird, nehmen dicke Frauen zu
viel Platz ein. Dicke Frauen werden als unattraktiv angesehen. Wenn sich dicke Frauen dann selbst akzeptieren und Schönheitsideale für nicht so wichtig ansehen und ihre Meinungen zum Ausdruck bringen möchten, machen sie sich noch anfälliger für öffentliche Musterung, Kritik und Spott. Dies ist meine Erfahrung als dicke Frau im juristischen Berufsfeld.

Kleidung kann alles aber auch nichts sein

Ich habe bereits am Anfang meiner Rechtsanwaltskarriere beobachtet, dass Kleidung alles aber auch nichts sein kann. Anwälte tragen sehr oft schwarz, dunkelblau oder dunkelgrau. Die Schnitte der Anzüge oder der Kleider sind gradlinig, praktisch und langweilig. Von einer Frau im Rechtswesen wird nicht nur erwartet, dunkle Farben zu tragen oder sich auf A-Schnitt-Kleider zu begrenzen. Von ihr wird auch erwartet, dass sie ihre Kurven nicht betont oder zu viel Haut zeigt. Sie muss schließlich nur durch ihre rechtliche Kompetenz auffallen, und nicht sowohl durch ihr Modebewusstsein als auch durch ihre rechtliche Kompetenz. Ich habe aber auch beobachtet, dass kleine Farbakzente geduldet sind. Aber: eine grell pinke Jacke und ein Bleistiftrock, wie bei Elle Woods (gespielt von Reese Witherspoon) im Kinofilm „Natürlich Blond 2“, gehen gar nicht. Ok, bei Elle Woods handelt es sich um ein Extrembeispiel. Die Sache ist, dass ich schon sehr früh gelernt habe, dass ich mir damit keinen Gefallen tue, mich zu bunt zu kleiden, oder mit meinem Outfit die Aufmerksamkeit auf meinen Körper lenke.

Diesen Gedanken habe ich jedoch anfangs verdrängt, da ich wusste, dass es einige Zeit dauern wird, bis ich eine qualifizierte Rechtsanwältin sein werde. Also studierte ich, was das Zeug hält, arbeitete in allen möglichen Jobs und letztlich in einer Rechtsanwaltskanzlei. Obwohl meine Arbeit hauptsächlich in der Verwaltung und die Kleidervorschrift relativ relaxed war, konnte ich trotzdem die Blicke spüren, sobald ich ein etwas körperbetonteres Kleid, ein Kleid mit etwas Ausschnitt, ein Kleid, bei dem meine Beine etwas sichtbar waren, oder ein buntes Kleid trug. Damit hatte ich ja die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Kolleginnen, die etwas ähnliches anhatten, wurden aber nicht so kritisch angeschaut. Ich bemerkte täglich, wie die Augen meiner Kollegen, möglicherweise unbewusst, von meinem Bauch über meine Brüste bis hin zu meinem Gesicht wanderten, wo ich auf passiv-aggresiver Art mit einem Lächeln zum Ausdruck bringen wollte: “Worauf zur Hölle starrst du?”

Ich habe schnell verstanden, dass eine dicke Frau, in alles anderem als einer schwarzen Bluse in Zeltform und bauschigen Jeans, die Leute verwirrte. Wenn einer dicken Frau ständig das Gefühl vermittelt wird, dass sie in modischer, etwas kӧrperbetonterer Kleidung sofort negativ auffallen wird, trägt das eine ganz frustrierende Message: Dicke Frauen dürfen
wohl keinen Gefallen an Fashion finden, um unseren Stil mit Selbstbewusstsein auszudrücken und dicke Frauen sollen nur Kleidung in schwarz, dunkelblau oder grau anziehen. Das viele von uns dicken, berufstӓtigen Frauen so eine Message nicht hinnehmen, verwirrt viele Menschen.

Nachdem ich für diese Kanzlei gearbeitet habe, wollte ich mich nicht mehr für mein Dasein als modebewusste, Farben liebende dicke Frau
entschuldigen. Ich wollte mich nie wieder in meinem Sinn für Mode einschränken, nur damit sich andere um mich herum wohlfühlen. Vielleicht war ich zu diesem Zeitpunkt noch etwas zu naiv. Dies war jedoch mein Vibe, als ich meine Ausbildung begann.

Für Rechtsanwältinnen in Ausbildung war die Kleidungsvorschrift alles andere als eindeutig. In der Kommunalverwaltung sind Rechtsanwälte nicht unbedingt in direktem Kundenkontakt oder zumindest gibt es keine externen Kunden. Ich arbeitete hauptsächlich mit Sozialarbeitern, die ebenfalls lässig gekleidet waren. Deshalb war es kein Problem, täglich Kleidung mit blumigem Aufdruck oder bunte Teile zu tragen. Die Blicke
verschwanden jedoch nicht, vor allem, wenn ich etwas trug, das meinen Bauch etwas betonte. Was die Leute wohl dachten?

Dachten sie darüber nach, wie ich wohl ohne Bedenken genau das hervorheben konnte, woran sie täglich durch ständiges Fasten und Diӓten arbeiteten – ein dicker Bauch? Für die Durchschnittsfrau in unserer Gesellschaft, gibt es nichts schlimmeres als etwas Fett am Bauch zu haben.

„Täglich wird uns eingehämmert, dass ein flacher Bauch die einzig akzeptierte Erscheinungsform für eine Frau ist.“

Das ist der Fall in jedem Berufsfeld. Niemand hat sich über Fatman Scoop oder Notorious BIG beschwert, aber die ganze Welt war empört über Lizzo, und ihr Selbstbewusstsein, auch als dicke Frau, die ohne Scham Bodysuits trӓgt und darin auch noch tanzt und mit ihrem Hintern wackelt.

Während meiner Ausbildung zur Rechtsanwältin in der Kommunalverwaltung wurde meinem Aussehen nicht zu viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Ich habe meine letzten Tage als Lehrling genossen, da ich wusste, dass ich nach zwei Jahren Ausbildung in die weite Welt der voll qualifizierten Anwälte ziehen würde, um im wahrsten Sinne in meinen eigenen Kampf zu ziehen.

Da war ich also. Ich trat im Juni 2019 in dunkelblauem Midi-Kleid mit kleinen fuchsienfarbigen Pünktchen meinen ersten Arbeitstag in der Rechtsanwaltskanzlei an. Da kam dann auch sofort der erste Kommentar bezüglich meines Kleides: “Also dieses Kleid ist interessant!” Was offensichtlich so viel bedeutete wie: “Dieses Outfit ist ungeeignet,
wie kannst du das nur an deinem ersten Arbeitstag in dieser namhaften Firma tragen?!?” Die Tatsache war: Es war nichts skandalöses an meinem Outfit. Es war perfekt geeignet für die Einstellung im Büro. Ich musste ja nicht einmal ins Gericht. Ich habe noch nicht einmal Kunden getroffen und trotzdem wurde ich schon beurteilt. Erinnerst du dich noch daran, wie ich sagte, dass ich während meiner Studienzeit die Kleidungsordnung ignorierte? Jetzt wurde es jedoch Zeit, darüber nachzudenken. Mir blieb nichts anderes übrig, als über die offizielle und inoffizielle Kleiderordnung nachzudenken.

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Ich habe versucht ein Gleichgewicht zu finden, mit dem ich meine Liebe zu bunten Kleidern und das Bestehen auf konventionelle, akzeptierte Kleidungsstile in meinem Beruf realisieren konnte. Das hat nicht immer geklappt. Sobald ich starke Farben trug, bekam ich mindestens ein passiv-agressives, falsches Kompliment. Die Blicke fielen auf mich und wenn ich Glück hatte sah ich sogar verlegenes Kopfschütteln, welches oftmals einen Mix aus Mitleid und Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck brachte. Sobald ich jedoch meinen inneren Schock überwunden hatte, dass sich Leute die Zeit nahmen um zu zeigen, wie schrecklich sie mich fanden, denke ich oft: Regen sie sich wirklich nur über mein Aussehen und die Kleidung auf oder steckt da mehr dahinter?

„Ich glaube, dass sich Menschen unwohl fühlen, sobald dicke Personen mit Dreistigkeit und persönlichem Stolz in ihren Outfits herumlaufen.“

Sie fühlen sich unwohl, wenn unsere Körperteile in unseren niedlichen Klamotten wackeln. Sie können es einfach nicht glauben, dass wir uns in unserer Haut wahrhaftig wohl fühlen kӧnnen.

Der Kernpunkt ist jedoch wesentlich ernster: Frauen, die arbeiten und dick sind, erfahren einen bedrückenden Zwiespalt, mit dem sie sich im Arbeitsumfeld auseinandersetzen müssen. Genau diesen fühle ich täglich auch an meinem Arbeitsplatz. Während von mir einerseits erwartet wird, dass ich nicht zu sehr durch meine Persönlichkeit, Outfit und mein generelles Erscheinungsbild auffalle, da das Dicksein nicht erwünscht ist und andere unwohl macht, kann ich trotzdem auch nicht zu lässig oder sogar schäbig wirken. Dies würde bedeuten, dass man als weniger kompetent eingestuft wird, als seine dünnen Kollegen, die möglicherweise nicht einmal annähernd über ihren Kleidungsstil nachdenken müssen. Eine Studie durch die niederländischen Forscher Noortje van Amsterdam und Dide van Eck nennt dieses Phänomen “smartening up”, auf Deutsch etwa: “sich herausputzen”.

Diäten, Taille, Gewicht

Was bleibt mir also übrig? Es ist anstrengend, sich ständig darüber Gedanken zu machen, was meine Kleidung über mich als dicke Frau im Rechtswesen aussagt. Ich arbeite hauptsächlich mit weiblichen Kolleginnen, die ständig und gern über ihre Diäten, ihre Taille und ihr Gewicht sprechen. Einmal ging ich ins Verwaltungszimmer und stand mitten in so einem Gespräch. Ich hatte einen burgunderfarbenen Rock an, auf dem die Kontur meines Bauches klar und deutlich sichtbar ist. Im Zimmer wurde es für einige Sekunden still, bevor die Unterhaltung wieder weiterging. Mir war klar, dass sie mich in diesem kurzen Moment der Stille beobachtet hatten. Sie wurden auf meinen Bauch und meinen Rückenspeck schnell aufmerksam, weil meine Bluse etwas eng anlag. Ich wusste, dass dieser kurze Moment ausreichte, um mich zu beurteilen und um sich selbst zu schwӧren, niemals so wie ich auszusehen. Für sie bin ich zwar eine gute Anwältin, die respektiert werden soll, aber gleichzeitig auch das abschreckende Beispiel dafür, wie man ӓsthetisch nicht aussehen darf.

Quo vadis?

Letztendlich habe ich mich entschieden, dass ich nicht für eine Rechtsanwaltskanzlei gemacht bin. Nicht unbedingt wegen der Reaktionen, die ich für meine Outfits und meine Liebe für grelle Farben und Stil bekomme. So oberflächlich bin ich nicht. Es geht natürlich um so viel mehr. Ich möchte weiterhin Anwältin bleiben, jedoch möchte ich nicht mit Dingen wie Zeiterfassung am Arbeitsplatz, Zeitverschwendung durch Fälle, für die sich Kunden nicht interessieren, Smalltalk mit Anwaltskollegen, die am nächsten Tag aggressive Emails senden, meine Zeit verschwenden. Ich möchte für etwas arbeiten, an das ich vollends glaube. Ich will mit Menschen arbeiten, die sich auch für meine Hilfe interessieren. Gerne möchte ich mit meinem Wissen die Welt ein kleines bisschen verändern kӧnnen und kreative rechtliche und praktische Lösungen für Probleme finden. Ich möchte all dies tun, ohne mich für mein Dasein als dicke Frau entschuldigen zu müssen, und ohne meine Individualität und die Art und Weise mich durch Mode auszudrücken, aufzuopfern. Ich bin deshalb auf der Suche nach meinem nächsten Abenteuer!

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