Lipödem | Caroline Sprott von Lipoedemmode mit Kompression am Arm | Credits: Lipoedemmode

Liposuktion bei Lipödem – Das Spiel mit der Hoffnung

Die Liposuktion bei Lipödem ist aktuell immer mehr in den Medien vertreten und setzt sich zunehmend als einziger Hoffnungsträger auf ein schmerzloses Leben durch. Doch wirken diese Operationen wirklich bei jeder Frau jedes Mal? Ist man danach für immer von diesem Thema befreit?

Die schlechte Nachricht ist: Das Lipödem ist nicht heilbar. Die gute ist, es ist operabel. Doch wie jede Operation, birgt dieser schwerwiegende Eingriff seine Risiken und vor allem unterschiedlichste Ergebnisse. So unterschiedlich, wie eben die Frauen, ihre Körper und ihre Krankheitsverläufe nun mal sind. Mein erster Ratschlag an dich:

Glaube keinem Arzt, der dir eine Garantie darauf gibt, nach den Liposuktionen (für immer) schmerzfrei zu sein.

Sie sind reine Symptombehandlung oder Präventivmaßnahmen, keine Lösung der Ursache.

Die Erwartungen

Viele Frauen haben schwerwiegende Probleme mit der Optik der betroffenen Stellen und freuen sich über das Ergebnis der OPs. Hosen passen wieder besser, das Selbstbewusstsein wächst und der Kopf wirkt wieder ein wenig leichter. Na gut, die Haut wird nie wieder wie vorher sein und damit muss man sich auch erst einmal anfreunden. Aber das Biest scheint vorerst in die Flucht geschlagen.

Die Euphorie ist nach der Heilungsphase oftmals groß. Das Gewebe scheint mit anderen Sachen beschäftigt zu sein, als Schmerzsignale an das Gehirn zu senden und so ist es in den meisten Fällen so, dass man nach den Liposuktionen erst einmal zufrieden ist. Doch wie sagt man so schön? Der Teufel ist ein Eichhörnchen.

Was Ärzte einem immer sagen sollten

Ein sympathischer Arzt sagte einmal

„Liposuktionen sind Cowboyland.“

und je mehr ich in die Branche eintauche, umso mehr erschließt sich mir die Erkenntnis, dass er sehr wahr gesprochen hat. Ihre Operateure sind Chirurgen, die untereinander Techniken lernen, mit denen sie sich dann an die optimale Operationsmethode herantasten. Herantasten ist hier auch ein entscheidendes Wort. Sie tun sicherlich gute Arbeit und handeln mit bestem Wissen und Gewissen, aber einen Standard gibt es nicht.

Es gibt kein intensives Lymphsystem-Studium, welches alle Operateure auf einen Wissensstand bringt und so macht jeder das, was und wie er es für richtig hält.

Glücklicherweise wird dieser Forschungsvorgang immer intensiver vorangetrieben und man kann sich heute über deutlich bessere Ergebnisse freuen, als vorher. Jedoch gibt es nach wie vor keine Heilung und auch keine garantierte Beschwerdefreiheit.

Lass dich über alle Risiken und Folgeschäden aufklären und willige nur ein, wenn du wirklich das Gefühl hast, dass er dir keine Unannehmlichkeiten verschwiegen hat.

Nie wieder Kompression, … oder? – Das Leben danach

Es tut mir leid, wenn ich deine Erwartungen trüben muss, aber es kann durchaus passieren, dass du auch nach den Liposuktionen wieder Schmerzen bekommst. Nach welchem Zeitraum kann dir niemand vorhersehen, aber das Risiko ist gar nicht mal so klein. Eine der weitreichendsten Folgen ist das Lymphödem, welches durch eine Beschädigung des Lymphsystems während der Operationen geschehen könnte. Wenn du ein Lymphödem (irreperabele Lympheinlagerunden) entwickelst, war es das vorerst mit einem kompressionsfreien Leben.

Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass langsam aber sicher sich deine Lipödemschmerzen den Weg zurück in dein Leben bahnen. Das hat nicht zwangsläufig mit der Arbeitsweise deines Operateurs zu tun, sondern mit deiner DNA. Lipödem kann vermutlich vererbt werden und so bleibt der Hang dazu für immer in dir verankert. Man beobachtet, dass der Ausbruch der Schmerzen meistens mit Hormonumschwüngen einher geht und Fakt ist, dass der menschliche Körper auch neue Fettzellen bilden kann. So ganz befreit kann man also allein aus rein biologischer Sicht nicht sein.

War die Ernährung und die Bewegung vor den OPs schon wichtig, ist sie danach noch umso wichtiger!

Nach den Liposuktionen fehlen den Körper eine große Menge an Fettzellen, auf die er die aufgenommene Energie verteilen kann, also nehmen die übrig gebliebenen Fettzellen unter Umständen mehr auf als vorher, wenn die Kalorienzufuhr beibehalten wird. Ergo: Man nimmt an anderen Stellen zu, wenn man seine Ernährung nicht an die neuen Gegebenheiten anpasst.

Das Spiel mit der Hoffnung

Den Titel habe ich so gewählt, weil ich dir die Hoffnung auf Besserung nicht nehmen will, sondern dich dafür sensibilisieren möchte, dass damit gespielt wird. Dadurch, dass die Liposuktion noch nicht flächendeckend für alle Betroffenen übernommen werden, bezahlen viele Frauen die hohen Summen aus privater Tasche. Operateure sind in diesem Moment auch „nur“ Unternehmer. Sie möchten ihr Produkt natürlich so gut wie es geht auch verkaufen. Manche versprechen Beschwerdefreiheit, ein besseres Leben, nie wieder konservative Therapie, zeigen eigene Statistiken und jetzt mal ehrlich. Wenn man etwas verkaufen möchte, erzählt man natürlich nicht unbedingt gerne von allen Schattenseiten, die solche großen Eingriffe mit sich bringen.

Liposuktion bei Lipoedem | Caroline Sprott nach der ersten Operation | Credits: Lipoedemmode
Liposuktion bei Lipoedem | Die Innenseite der Beine nach der ersten Operation | Credits: Lipoedemmode

Daher rate ich dringlichst dazu, ruhig, neutral und differenziert die eigene Entscheidung zu treffen, ob man die Liposuktionen jetzt zu diesem Zeitpunkt braucht, oder vielleicht noch etwas abwartet, bis das ganze System sich eingespielt hat und die Erkenntnisse über diese Krankheit auch in der Ursachenforschung gestärkt wurden.

Was man außerhalb der Liposuktion tun kann

Die konservative Therapie ist ausbaufähig, aber eine gute notwendige Maßnahme, den Krankheitsverlauf maßgeblich zu beeinflussen. Dazu gehört die Kompressionsbestrumpfung, Bewegung in eben dieser und eine stabile Ernährung, die einem dabei hilft, das Gewicht zu halten. Die manuelle Lymphdrainage ist aktuell noch in der Schwebe, zumindest für reine Lipödem Patientinnen. Denn ein direkter Effekt ist nicht nachzuvollziehen, jedoch streiten sich hier die Fachkräfte, da der Langzeiteffekt nicht genügend bei diesen Überlegungen beachtet werde. Sobald eine Lymphkomponente in dein Krankheitsbild mit hineinspielt, ist es klar, dass du Lymphdrainage benötigst.

Bewegung und vor allem Sport ist wichtig, es sind aber zwei verschiedene Sachen. Der entscheidende Unterschied ist, dass man beim Sport schwitzt und das bitte nicht zu knapp. Geh an deine Grenzen, fordere dich heraus, komm aus der Komfortzone und werde dadurch stärker. Wenn du einmal einen Einstieg in ein sportliches Leben gefunden hast, wirst du merken, wie gut es deinem Körper tut.

Aber nie dabei die Kompression vergessen. Solltest du die Flachstrick-Kompression beim Sport nicht tragen können, dann greife zu Sporthosen mit einem starken Kompressionseffekt. Das ist besser als nichts.

Der erste Tag vom Rest deines Lebens

Kein Operateur, kein Arzt und kein Politiker kann dein Leben wirklich verändern. Das kannst nur du selbst. Stärke dich, vertraue dir selbst und vergesse nie, wie wertvoll jeder Tag in deinem Leben ist. Du hast nur dieses eine, nutze es weise und sollte das Lipödem einmal nicht nur deinen Körper, sondern deine Psyche angreifen, dann lass dich durch eine Psychotherapie stärken. Ein starker Kopf macht dich unbesiegbar.

Über die Autorin

Caroline Sprott, Expertin in Sachen Lipödem und Lymphödem
Caroline Sprott, Expertin in Sachen Lipödem und Lymphödem | Credits: Lipoedemmode.de

Mein Name ist Caroline Sprott und ich habe seit 2010 Lipödem in Beinen und Armen. Seitdem trage ich täglich meine Kompression, um vor allem die starken Schmerzen zu lindern, die ich trotz drei Liposuktionen noch habe. Davon ließ ich mir jedoch die Lebensfreude nicht nehmen und gründete Lipoedemmode.de, auf der ich alles an Wissen zusammen mit tollen Gast-Autorinnen sammle und zusätzlich zeige, wie man trotz Kompression Spaß an Mode haben kann. Mittlerweile darf ich auf vielen Veranstaltungen als Referentin auch offline Frauen motivieren und mit einem guten Gefühl in den Kampf gegen Lipödem und Lymphödem schicken.

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