Wer darf sexy sein, wer nicht? Über Doppelmoral und Hypersexualisierung

Beim Coachella-Festival standen Madonna und Sabrina Carpenter gemeinsam auf der Bühne. Beide performten in Korsetts und Lingerie. Ein Auftritt, der für Begeisterung bei den Festival-Besuchern sorgte und … auf Social Media die Gemüter erhitzte. Spannend ist der unterschiedliche Maßstab und die gesellschaftliche Doppelmoral, die in den Kommentaren angelegt wurde.

Was ist sexy und was nicht (mehr)?

Während Sabrina Carpenter (26 Jahre) für ihren Lingerie-Look gefeiert wurde, schlug Madonna für eine vergleichbare Inszenierung massive Kritik entgegen. Der Unterschied liegt im Alter und genau da zeigt sich eine Form von ageistischer Misogynie*. Weibliche Sexualität ist gesellschaftlich akzeptiert, aber nur unter sehr spezifischen Bedingungen. Die Protagonistin soll jung und normschön sein. Sobald eine Frau eine dieser „Grenzen“ überschreitet, kippt schnell die öffentliche Meinung. Aus einem „empowernden“ Look wird ein „unangemessenes“ Outfit, aus „selbstbestimmt“ wird ein „zu viel“. Sexualität auf der Bühne ist legitim, aber nur für die, die in das Raster passen.

Hypersexualisierung auf der Bühne gehört heutzutage zur Normalität. Es ist mehr als ein Trend, dass weibliche Künstlerinnen in lingerie-inspirierten Looks performen. Die Influencerin Lucie Vallée (IG: @lucievallee_) unterstützt Frauen dabei, sich von toxischen Schönheitsidealen zu lösen. Sie bringt es in einem aktuellen Post auf Instagram auf den Punkt: Hypersexualisierung endet nicht bei der Kleidung. Es geht nicht nur darum, Lingerie zu tragen, sondern Sexualität als festen Bestandteil der Performance zu inszenieren.

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Hypersexualisierung als persönliche Entscheidung?

Interessant ist, wie schnell diese Entwicklung als „persönliche Entscheidung“ der Künstlerinnen abgetan wird. Die Logik dahinter scheint zunächst plausibel: Wenn eine Künstlerin sich sexy zeigt, dann tut sie das aus eigenem Antrieb. Doch genau hier stellt sich die eigentliche Frage. Wenn die explizite Inszenierung eines Körpers regelmäßig mehr Aufmerksamkeit generiert als die Musik selbst und wenn sich das Gefühl verstärkt, dass Sichtbarkeit ohne diese Inszenierung kaum noch möglich ist, wie frei ist diese Entscheidung dann wirklich?

Seriös vs. freizügig

Nun könnte man argumentieren, dass es Künstlerinnen wie Adele gibt, die erfolgreich sind, weil – oder obwohl – sie nicht freizügig auf der Bühne auftreten. Doch dieser Vergleich hinkt und ist zugleich Teil der Antwort.

Adele gehört bzw. passt in ein anderes, ebenfalls akzeptiertes Rollenmodell. Sie zählt zu den „seriösen“, stimmzentrierten Sängerinnen und nicht zu den sexuell inszenierten Popkünstlerinnen. Ihr Genre sind Soul und Balladen. Hier liegt der Fokus auf Stimme, Emotionalität, Authentizität und weniger auf der Körperinszenierung. Adele agiert innerhalb der Musikbranche in einem Bereich, in dem Sexualisierung kein zentraler Erfolgsfaktor ist.

Adele wird akzeptiert, weil sie in ein gesellschaftlich legitimiertes Gegenmodell passt – nicht, weil es keine Regeln gibt, sondern weil sie andere erfüllt.

Allerdings ist die Tatsache, dass Adele „nicht sexy sein muss“, auch Teil des Systems und ein Beweis dafür, dass es diese Kategorisierung gibt. Denn Künstlerinnen dürfen entweder begehrenswert oder respektabel sein. Selten funktioniert beides gleichzeitig und besonders schwer wird es, wenn sie zwischen beiden Kategorien wechseln. Das Problem ist also nicht, ob jemand sexy ist oder nicht, sondern dass jede Variante an Bedingungen geknüpft ist.

 

Body Positivity-Aktivistin Bobby Hermann-Thurner vor einer Graffiti-Wand. Credits: Ursula Schmitz
Body Positivity-Aktivistin Bobby Hermann-Thurner vor einer Graffiti-Wand. Credits: Ursula Schmitz

Wer bestimmt die Spielregeln?

Besonders deutlich wird es, wenn man einen Blick auf die Mechanismen und Zahlen der Musikindustrie wirft. Laut der USC Annenberg Inclusion Initiative lag der Anteil an Künstlerinnen in den Charts zuletzt bei nur rund 21,7 Prozent. Gleichzeitig sind über 90 Prozent der Producer männlich, wie Analysen unter anderem von MusicRadar zeigen. Wer entscheidet also, wie Künstlerinnen aussehen, inszeniert und vermarktet werden? In einer Branche, die überwiegend von Männern geprägt ist, definieren auch sie die Spielregeln der Sichtbarkeit.

Untersuchungen, etwa vom Center for the Study of the Entertainment Industries (CSE), zeigen, dass Frauen in Musikvideos überdurchschnittlich häufig als visuelle Objekte inszeniert werden, und das losgelöst von ihrer künstlerischen Leistung.

Parallel berichten laut Classic FM rund zwei Drittel der Frauen in der Musikbranche, dass für sie Sexualisierung und Objektifizierung zentrale Probleme darstellen. Das ist also kein Randphänomen, sondern Teil eines Systems, das bestimmte Darstellungen mit Erfolg belohnt.

Vergleich mit männlichen Stars

Spannend ist auch der Vergleich mit männlichen Stars. Während einige wenige, wie beispielsweise Harry Styles, durchaus sexualisiert werden, fallen in der Regel prominente Sänger wie Ed Sheeran oder Herbert Grönemeyer durchs Raster. Ihr Körper und auch ihre Outfits werden kaum diskutiert. Während der weibliche Körper zentraler Bestandteil der Performance ist, bleibt der männliche meist Nebensache.

Freie Entscheidung oder nicht?

Es geht nicht darum, ob einzelne Künstlerinnen ihre Inszenierung mögen oder bewusst freizügig wählen. Es geht darum, dass diese Form der Darstellung zunehmend wie eine Voraussetzung wirkt, besonders für junge Künstlerinnen, die ernst genommen werden wollen. Die am Anfang thematisierte, vermeintlich freie Entscheidung existiert zwar, bewegt sich aber innerhalb enger Grenzen. Wer davon abweicht, riskiert Sichtbarkeit. Wer mitspielt, wird belohnt.

Einfluss auf alle Frauen

Dazu kommt ein ökonomischer Faktor. Sexualisierte Darstellungen sorgen für mehr Aufmerksamkeit, mehr Klicks und damit mehr Umsatz. Auch das hat Konsequenzen. Denn die Bilder, die veröffentlicht werden, entsprechen einer Art Norm: Die Künstlerinnen sind dünn, trainiert, makellos. Studien zu Medien- und Körperbildern, beispielsweise aus dem Umfeld der American Psychological Association, zeigen, wie stark diese Darstellungen die Selbstwahrnehmung von Frauen und die normativen Erwartungen an Frauen beeinflussen.

Hypersexualisierung ist ein strukturelles Phänomen und weniger ein individuelles Stilmittel. Ein Phänomen, das nicht nur Künstlerinnen betrifft, sondern auch das Publikum und damit uns alle. Es prägt, welche Erwartungen wir sowohl an fremde Körper als auch an unseren eigenen Körper haben, welche Körperformen und -darstellungen wir akzeptieren und welche nicht.

Und all das beginnt mit der Frage, wer definiert, wie freizügig Künstlerinnen auf der Bühne auszusehen haben – und, wie so oft, wer profitiert davon.

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*) Ageistische Misogynie
beschreibt die Kombination aus Ageismus (Diskriminierung aufgrund des Alters) und Misogynie (Frauenfeindlichkeit bzw. die Abwertung von Frauen). Gemeint ist damit die Altersdiskriminierung speziell von Frauen. Dabei geht es häufig darum, dass Frauen gesellschaftlich ab einem bestimmten Alter als weniger relevant, weniger attraktiv oder auch nicht mehr sichtbar oder nicht mehr begehrenswert behandelt werden.

Typische Beispiele in den Medien oder der Werbung sind, dass ältere Männer häufig als erfahren, charismatisch und souverän präsentiert werden. Ältere Frauen dagegen den Druck erleben, jugendlich zu bleiben, optischen Idealen zu entsprechen und frisch auszusehen. Falten müssen bekämpft, die Figur optimiert werden. Graue Haare gelten bei Männern als seriös und attraktiv. Bei Frauen einfach nur als alt und das, obwohl prominente Vorreiterinnen wie Brigitte Schrowange bereits vor Jahren ein Statement für graue Haare gesetzt haben.

Ageistische Misogynie macht sichtbar, dass das Alter gesellschaftlich nicht für alle gleich bewertet wird. Was wiederum den Rückschluss zulässt, dass ältere Frauen strukturell benachteiligt werden.