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Yoga veränderte ihr Leben: Von der Managerin zur Plus Size Yogini

Credit: Birgit Feliz Carrasco

Sie unterrichtet seit 20 Jahren Yoga und trägt Konfektionsgröße 52. Ein Widerspruch? Von wegen! Ihre dicken Kursteilnehmer sind dankbar dafür, dass sie eine von ihnen ist. Für Yogatherapeutin Birgit Feliz Carrasco ist „dick“ genauso wie „dünn“ ein beschreibendes Adjektiv und keinesfalls eine Beleidigung. Sie nennt ihren Yogaweg deshalb bewusst „Yoga X-Large – Auch Dicke können Yoga machen“.

Von der Marketingmanagerin zur Yogatherapeutin. Wie kam es dazu?

Birgit Feliz Carrasco: Ich war in meiner Tätigkeit im Marketing beruflich sehr gefordert, viel geschäftlich unterwegs. Als ich innerhalb einer Woche während Rückflügen nach München ohnmächtig wurde, waren dies einschneidende Erlebnisse für mich. Es ist schon über zwanzig Jahre her, der Begriff Burnout war noch nicht populär, aber mir wurde bewusst, dass ich so nicht weitermachen wollte. Ich suchte alternative Wege zur Heilung und wollte keine chemischen Medikamente zur Wiederherstellung meiner Arbeitskraft einsetzen. Ich fand Verständnis und ganzheitliche Hilfe bei einer Heilpraktikerin, die mich unter anderem auch mit dem damals ebenfalls noch wenig bekannten Lebensstil des Yoga in Kontakt brachte. Und, was soll ich sagen … meine erste Yogastunde hatte so profunde Wirkung auf mich, dass ich mit diesem Schlüsselerlebnis sofort wusste: Ich möchte Yoga an andere weitergeben! Ich ließ mich also als Yogalehrerin – begleitend zu meiner Managertätigkeit – ausbilden und bin darüber hinaus noch neugieriger auf gesundheitliche Zusammenhänge geworden. Heilpraktikerstudium und -abschluss sowie ein Diplom als Ayurveda Therapeutin folgten. Die Umorientierung dauerte einige Jahre, war anstrengend und in vielerlei Hinsicht fordernd Aber ich fühlte mich, wie auch heute noch, auf diesem neuen Lebensweg geführt, beschützt, pudelwohl und glücklich. Dieses Lebensglück möchte ich mit anderen teilen.

Hat Yoga dein Leben verändert?

Credit: Birgit Feliz Carrasco
Birgit Feliz Carrasco | Autorin von Yoga+X-large

Birgit Feliz Carrasco: Abgesehen von den äußeren Veränderungen meiner Lebensumstände und der beruflichen Neuausrichtung hat die Kenntnis und Praxis des Yoga mich völlig verändert! Ich begann bewusst zu leben statt nur zu funktionieren. Die Praxis des Körper-Yoga (also das, was heute gemeinhin als Yoga bezeichnet wird) verändert nicht nur den Kontakt zum eigenen Körper, es vitalisiert auch das gesamte System des Menschen, der aus Körper, Geist und Seele besteht. Es ist als ob diese drei Anteile neu miteinander verbunden werden, bewusster zusammenwachsen. Durch Yoga kommt man vom unbewussten Tun des Alltags zu einer bewussten Lebendigkeit und beginnt das Sein sehr zu schätzen.

Ganz pragmatisch: Was bringt mir Yoga?

Birgit Feliz Carrasco: Konkret beginnt jede individuelle Entwicklung im Yoga mit der Praxis von Körperübungen, die jeder Mensch, gleich welchen Alters oder Konstitution oder Konfektionsgröße, erlernen und ausführen kann (so diese fachlich qualifiziert gelehrt werden). Die diversen Yogahaltungen wirken auf unterschiedliche Körperpartien, sie dehnen Muskeln, flexibilisieren Gelenke und Wirbelsäule, fördern die Durchblutung und erhöhen den Stoffwechsel, massieren die inneren Organe und vertiefen den Atemvorgang. Der Effekt der intensiven, bewussten Yogaatmung intensiviert den Austausch zwischen Sauerstoff beim Einatmen und Kohlendioxid beim Ausatmen. On top: Während der manchmal seltsam anmutenden Körperhaltungen kann der Verstand an nichts anderes denken als an den Körper und an die Ausführung der Yogapositionen … und das ergibt den Wow-Effekt des Yoga! Du fühlst dich wunderbar. Dieses zeitweilige Ausknipsen des Denkens ist es, das die vielen Yogapraktizierenden (rund 4 Millionen in Deutschland, ansteigende Tendenz) so sehr lieben und nie wieder missen möchten.

Übergewicht und Yoga. Geht das überhaupt?

Birgit Feliz Carrasco: Im Vergleich zu vielen anderen Bewegungsarten ist Yoga nach meiner langjährigen Erfahrung das Beste, was Übergewichtige erlernen und praktizieren können. Ich verstehe Yoga keinesfalls als Sport oder als Abnehmprogramm, sondern als einen wunderschönen Weg dem Körper zuzuhören, sich selbst liebevoller kennenzulernen und gleichzeitig auf sanfte Art vitaler und aktiver zu werden. Erstaunlicherweise sind die meisten Plus Size Frauen von Natur aus wesentlich flexibler als so manch dünner, verspannter Körper. Ich praktiziere und unterrichte seit 20 Jahren Yoga und habe selbst Konfektionsgröße 52 – und meine dicken Kursteilnehmer sind dankbar dafür, dass ich eine von ihnen bin :-). Ich nenne meinen Yogaweg bewusst „Yoga X-Large – Auch Dicke können Yoga machen“, weil ich das beschreibende Adjektiv „dick“ genauso wenig wie „dünn“ als Beleidigung verstehe im Gegensatz zu „fett“ oder „dürr“.

Kann oder darf ich als Plus Size Frau die selben Übungen machen wie schlanke Yoginis?

Birgit Feliz Carrasco: Grundsätzlich sollte man sich bewusst machen, dass Yogalehrende, Yogamodels auf Fotos oder Dünne auch lange geübt haben bis sie Yogahaltungen (Asanas) so ausführen können wie dargestellt. Es ist alles eine Frage des sinnvollen Aufbaus und der Übungskontinuität (ich empfehle ein- bis zweimal wöchentlich ca. eine Stunde). Die Qualität der Asanas wird im individuellen Körper mit dem im jetzigen Moment wahrgenommenen Körpergefühl empfunden. Am Anfang einer „Yogini-Karriere“ geht es vor allem um Muskeldehnung und Kraftaufbau. Spüre ich eine Dehnung des Muskels, die mit der spezifischen Übung gedehnt werden sollen? Wenn ja, ist das heutige Ziel erreicht. Etwas Wohlweh darf dabei empfunden werden, aber Schmerzen oder gar Überforderung sollten nicht aufkommen.
Sehr wichtig ist erstens Yoga mit einem für Yoga X-Large qualifizierten Lehrenden zu lernen und zweitens Asanas in Varianten auszuführen, die für Plus Sizer geeignet sind um die Gelenke zu schonen. Beispielsweise ist die Haltung des Hundes in klassischer Ausführung eine Position bei der der Körper auf Händen und Füßen gehalten wird (Bild 2). Für X-Larger empfehle ich die Ausführung mit abgelegten Unterarmen um die Ellbogengelenke zu schonen (Bild 1). Für Fortgeschrittene (nach einigen Monaten beständigen Übens) ist dann sogar die Hund-Haltung mit angehobenem Bein möglich (Bild 3).

Bei mir sehen die Asanas (Körperstellungen im Yoga) ganz anders aus als bei schlanken Frauen. Machen die Übungen dann trotzdem Sinn?

Birgit Feliz Carrasco: Jeder Mensch sieht anders aus und die Welt wäre sicher ein liebevollerer Ort, wenn wir aufhören würden uns immer mit anderen zu vergleichen und Menschen in gut oder schlecht sowie Körper in schön oder nicht schön zu kategorisieren. Auch bei schlanken Frauen sehen die Yogahaltungen unterschiedlich aus, wenn man mit kennendem Blick hinschaut. Essentiell ist, ob du und was du im eigenen Körper spürst bei der Ausführung deiner individuellen Asana-Position. Bei der Haltung des Hundes geht es beispielsweise um die Dehnung der Rücken- und Beinmuskeln. Spürst du diese? Dann ist die heutige Heilwirkung mit der Asana erreicht, egal wie die Position aussieht. Yoga ist weder Akrobatik noch Ballettchoreografie, was aber leider oft so vermittelt wird. Die heilsamen Effekte im Inneren Körper zu erleben und im Geist zu memorieren sind die entscheidenden Punkte im Yoga. Ballett tanzen und sich verbrezeln wie im Zirkus mögen gerne andere tun, so sie sich bewusst dabei sind, dass dies nicht immer gesund für den Körper ist.

In „normalen“ Yoga-Kursen fühle ich mich unwohl. Hast du ein paar Tipps?

Birgit Feliz Carrasco: Dieses Unwohlsein verstehe ich vollkommen und leider wird mir nicht selten berichtet wie Dicke in umfangreichen Yogaklassen abschätzig behandelt und wenig betreut werden. Vermeide größere Yogazentren die grundsätzlich keine individuelle Betreuung der Yogaschüler gewähren. Qualitätsmerkmale von Yogalehrenden und Yogaunterricht sollten sein:

  • Respektvoller Umgang von allen mit allen.
  • Vermittlung der Asanas in Varianten für Anfänger, für Ältere, für Plus Sizer oder Teilnehmer, die heute beispielsweise ein Problem mit einem Knie haben.
  • Hilfreiche Korrekturen der Ausführung durch Anfassen vom Yogalehrenden
    (was nur in kleineren Gruppen von rund 10 Teilnehmern möglich ist).

Du bist Autorin des Buches „Yoga X-Large“. Hast du 3 ultimative Tipps für Plus Size Frauen, die mit Yoga beginnen möchten?

Credit: Birgit Feliz Carrasco
Yoga X-Large von Birgit Feliz Carrasco

Birgit Feliz Carrasco: 1. Lass dich nicht entmutigen und probiere einige Yogastudios aus. Die Energie zwischen Dir und den Yogalehrenden muss passen. Manche bieten heute bereits Kurse für Mollige an und ich bemühe mich, deutschlandweit mehr und mehr Plus Sizer als Yogalehrende auszubilden. Wenn dir Yoga Spaß macht und du fühlst wie heilsam dieses Körper- und Lebenskonzept ist, kannst du auch Yoga-Coach mit einer von mir entwickelten einjährigen, berufsbegleitenden Ausbildung werden.

  1. Wenn du vorerst nicht in ein Studio gehen möchtest, kannst du mit einfachen Übungen, wie in meinem Buch beschrieben, bei dir zuhause beginnen. Wichtig ist dabei, deine eigenen Grenzen zu erkunden und nicht zu überschreiten. Dein Körper möchte sich bewegen, möchte sich dehnen, möchte sich kräftigen, benötigt aber dafür jedoch achtsames, aufbauendes, beständiges Training. Niemand, ob dick oder dünn wurde als Yogi geboren.

  2. Eine weitere Möglichkeit mit Yoga zu beginnen, ist es über Videos Asanas zu sehen und nachzumachen. Allerdings gibt es für Plus Sizer noch wenig im Internet-Angebot. Video-Anleitungen für Dicke von mir sind in Planung und werden ab 2018 auf dem Yoga-Onlineportal Yogaeasy zu sehen sein. Die Startzeit kann gerne bei mir über E-Mail erfragt oder meiner Website entnommen werden.

Gibt es ein paar einfache Übungen, die den Einstieg ins Yoga erleichtern?

Birgit Feliz Carrasco: Asanas im Sitzen sind auf alle Fälle ein guter Einstieg um den Körper anfänglich zu dehnen. Hier einige Übungs-Empfehlungenen aus meinem Buch.

Sollte man jeden Tag Yoga-Übungen machen und wie ist es, wenn man manchmal die Lust verliert. Hast du ein paar Motivationstipps?

Birgit Feliz Carrasco: Jeden Tag ein bisschen Yoga, zum Beispiel die genannten Übungen, bringen schon viel heilsame Wirkung, wie man schnell bemerken wird. Es macht Spaß und ist motivierend zu spüren, wie der Körper dankbar auf Dehnung und tiefe Atmung reagiert. Längere Yoga-Sessions von 60 bis 90 Minuten empfehle ich ein bis zwei wöchentlich. Wichtig dabei ist

  • Asanas immer zu Körperseiten ausführen, mindestens zweimal wiederholen und jeweils zehn Atemzüge halten.
  • Stets tief einatmen und vor allem auch tief ausatmen.
  • Zwischen den einzelnen Positionen Zeit nehmen, um die Wirkung zu Asana zu genießen und bewusst zu spüren.
  • Sich in der Haltung fordern, aber zu nichts zwingen und gegebenenfalls die Position korrigieren, falls es irgendwo klemmt oder zu sehr zieht.
  • Yoga praktizieren, wenn man sich wohl fühlt und Lust darauf hat.

So entwickelt sich Liebe zu Yoga und zu sich selbst und das ist die beste Motivation. Mir ist es eine Herzensangelegenheit Frauen (und Männern) Mut zu machen, sich selbst zu lieben, egal wie man aussieht und gleich welches Schönheitsideal in der aktuellen Zeitepoche angesagt ist. Yoga ist ein Reise zu sich, zu der inneren Heimat und diese Reise ist spannend und entspannend, da fern von jeglichem Leistungsdruck, Ehrgeiz und Ego, die unser alltägliches Leben ohnehin viel zu sehr dominieren. Liebt euch, achtet und respektiert alles und jeden und seid glücklich. Yoga ist ein wundervoller und neuzeitlicher Lifestyle, der über Körper-Übungen hinaus viel zu schenken hat … aber darüber sprechen wir ein anderes Mal in meiner künftigen Lebensart-Kolumne auf PlusPerfekt.

Birgit Feliz Carrasco ist Heilpraktikerin, Seelen-Coach und Yogatherapeutin sowie renommierte Buchautorin und Bloggerin. Sie hält regelmäßig Seminare für spirituelle Bewusstheitsentwicklung, bei denen Interessierte sowie Yogalehrende, die sich fortbilden wollen gleichermaßen willkommen sind. Informationen gibt es auf birgitfelizcarrasco.com

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