Gewichtskontrolle auf der Personenwaage | Credit: Yunmai | Unsplash

Fat Shaming: Gewichtsdiskriminierung und die fatalen Folgen – Interview mit Dr. Friedrich Schorb

In Deutschland sind zwei Drittel der Männer und über die Hälfte der Frauen übergewichtig. Es gibt also mehr dicke als dünne Menschen in diesem Land. Und doch gibt es tagtäglich unendlich viele Formen der Gewichtsdiskriminierung, die – ha, ha, ha – als kleiner Scherz oder „gut gemeinte Ratschläge“ abgetan werden. Doch diese Worte und Vorurteile  gegenüber Übergewichtigen tun weh, verletzen tief im Inneren und haben für viele fatale Folgen. Gerade Frauen werden mit vermeintlichen Schönheitsidealen verglichen und sind häufig Opfer von Fat Shaming.

Doch warum fehlt in unserer Gesellschaft die Akzeptanz von Übergewichtigen und warum fühlen sich jene, die dicke Menschen diskriminieren, auch noch im Recht? PlusPerfekt sprach mit Dr. Friedrich Schorb. Er ist Soziologe und Experte für Gewichtsdiskriminierung.

Wie kamen Sie auf die Idee zur Thematik Gewichtsdiskriminierung zu forschen?

Dr. Friedrich Schorb: Ich habe mich ursprünglich mit der Wahrnehmung von hohem Körpergewicht aus soziologischer Perspektive beschäftigt. Also mit der Frage: Warum wird Dicksein in unserer Gesellschaften problematisiert, wie ist das historisch entstanden und wer profitiert davon. Durch diese Beschäftigung bin ich mit der Forschung zu Gewichtsdiskriminierung in Kontakt gekommen. Das Ausmaß und die Relevanz von Gewichtsdiskriminierung war mir davor nicht bewusst.

Findet Gewichtsdiskriminierung in viele Richtungen statt oder betrifft es hauptsächlich Übergewichtige?

Dr. Friedrich Schorb: Gewichtsdiskriminierung betrifft Menschen aller Gewichtsklassen, also auch sehr dünne Menschen. Aber insgesamt sind Menschen mit hohem Körpergewicht sehr viel stärker von Gewichtsdiskriminierung betroffen als Menschen mit niedrigem Körpergewicht. Zum einen, weil es einfach mehr hochgewichtige als untergewichtige Menschen gibt, zum anderen, weil hohes Körpergewicht viel kritischer gesehen wird. Zwar werden über dünne Menschen auch Witze gemacht, aber insgesamt wird z. B. magersüchtigen Menschen viel mehr Empathie entgegengebracht. Sie gelten als krank und werden für ihren Zustand nicht verantwortlich gemacht. Umgekehrt betrachten bei Umfragen die meisten Menschen hohes Körpergewicht immer noch als eine Frage der Disziplin und sehen Dicksein als Ausdruck einer Charakterschwäche. Die Folge: wer dicke Menschen diskriminiert, fühlt sich im Recht.

Geht es dabei vorrangig um das Gewicht oder auch um Körperkonturen, die vom gängigen Schönheitsideal abweichen?

Dr. Friedrich Schorb: Es geht um beides: Gewicht und Körperkonturen. Wenn jemand sehr muskulös ist und deswegen ein hohes Körpergewicht hat, wird er eher nicht diskriminiert. Fett an Brüsten und Gesäß wird eher akzeptiert als am Bauch. Das zeigt sich unter anderem an der neuen Popularität von Curvy. Vor allem bei Frauen wird Körperfett akzeptiert, wenn es eine Sanduhrfigur betont, aber auch dann darf es nicht „zu viel“ sein. Curvy erweitert die Palette von Körperformen, die in unserer Gesellschaft als attraktiv gelten. Aber es bleibt doch insgesamt ein sehr eingeschränktes Schönheitsideal.

Wer definiert den perfekten Körper? Die Medien, die Schönheits- und Modeindustrie? Warum „unterwerfen“ wir uns diesem Ideal? Als mündige Bürger könnten wir doch dieses Bild negieren, in dem wir es einfach nicht annehmen.

Dr. Friedrich Schorb: Wir können uns ja nicht einfach aus der Gesellschaft zurückziehen und so tun, als ginge uns das alles nichts an.

Wir alle wollen Bestätigung, wir wollen alle geliebt werden und das ist eben nicht einfach, wenn man täglich mit der Botschaft konfrontiert wird, dass der eigene Körper nicht liebenswert oder sogar abstoßend sein soll.

Deshalb ist Vielfalt so wichtig. Deshalb ist es so wichtig, dass wir im Alltag, in der Werbung, in den Medien, in der Mode aber auch schon in den Kinderbüchern, Spielzeugfiguren und Puppen Vielfalt finden; Vorbilder finden, die aussehen wie wir: Schwarz, weiß, groß, klein, dick, dünn, alt, jung usw.

Sprichworte wie „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ oder „Wahre Schönheit kommt von innen“ und Bewegungen wie Body Positivity und Selbstliebe, versuchen den Fokus von vermeintlichen Schönheitsidealen zu relativieren. Und doch scheinen Äußerlichkeiten noch immer wahnsinnig wichtig zu sein. Woher kommt das?

Dr. Friedrich Schorb: Auch bei der Body Positivity Bewegung steht die Beschäftigung mit dem eigenen Körper im Mittelpunkt. Das wird natürlich durch bilderbasierte soziale Medien wie Instagram noch gefördert. Meiner Ansicht nach sollte es aber nicht immer nur um den Körper gehen. Wir sollten stolz sein auf das was wir tun, wofür wir stehen, auf unsere Werte und nicht nur auf unser Aussehen. Außerdem bedeutet es für viele Menschen eine Überforderung, sich selbst hübsch zu finden, angesichts dessen, was ihnen von der Gesellschaft täglich vermittelt wird. Eine Bewegung, die sich gegen Body Shaming (Anm. d. Red.: Eine Form der Diskriminierung, Beleidigung oder Demütigung von Menschen aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes.) einsetzt, sollte die Liebe zum eigenen Körper nicht zur Voraussetzung für ein Engagement gegen Diskriminierung machen. Es ist schön, wenn das gelingt und jedem zu wünschen. Wenn es aber zur Voraussetzung für die Teilnahme an einer Bewegung wird, erhöht es nur unnötig den Druck und kann zur Folge haben, dass Menschen das Gefühl bekommen, doppelt versagt zu haben. Erst ist es ihnen nicht gelungen abzunehmen und dann haben sie es nicht mal geschafft, sich und ihren Körper zu akzeptieren.

Warum sind wir nicht dankbar für einen gesunden, funktionierenden Körper und sind statt dessen immerzu am optimieren?

Dr. Friedrich Schorb: Auf viele Dinge, die unser Leben bestimmen haben wir keinen Einfluss. Globalisierung, Digitalisierung, Wirtschaftskrisen, soziale Ungleichheit, Klimawandel, jetzt die Corona-Krise. Unseren Körper dagegen glauben wir unbegrenzt kontrollieren und optimieren zu können, um uns im Konkurrenzkampf um Jobs, Beziehungspartner*innen usw. einen Vorteil zu verschaffen. Aber das ist eine Illusion, denn unser Körper ist nicht beliebig formbar und er ist auch nicht die Lösung für Probleme, die wir nur kollektiv lösen können

Wenn ich erst mal dünn bin / abgenommen habe, dann …
Wir kennen alle diese „wenn-dann-Sätze“ und doch ist z. B. nach einer starken Gewichtsabnahme oder einer Schönheits-OP nicht alles eitel Sonnenschein. Viele fallen in ein Loch, können sich mit dem neuen – doch so sehnlich gewünschten – Körper nicht identifizieren. Woran liegt das?

Dr. Friedrich Schorb: Viele Menschen fühlen sich in ihrem neuen Körper fremd, wenn sie in kurzer Zeit schnell abnehmen. Außerdem merken sie, dass ihre Probleme nicht verschwinden, nur weil sei dünner geworden sind. Ihre Beziehung ist immer noch nicht so, wie sie es sich wünschen. Sie bekommen im Job nicht automatisch mehr Anerkennung. Sie sind nicht selbstbewusster geworden. Ihre finanzielle Situation hat sich nicht verbessert, nur weil sie abgenommen haben. Bisher haben sie das alles verdrängt, weil sie sich eingeredet haben, oder weil ihnen von anderen eingeredet wurde, dass das alles nur etwas mit ihrem Körper, mit ihrem Gewicht zu tun hatte. Jetzt, wo diese Ausrede weg fällt, merken sie, dass ihre Probleme immer noch da sind. Das ist für viele ein richtiger Schock.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat man bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 18,5 bis 24,9 Normalgewicht. Ab 25 spricht man von Übergewicht, ab 30 von Adipositas (Fettsucht). Andererseits gibt es Aussagen, dass bei einem BMI zwischen 25 und 30 in Deutschland die Lebenserwartung am höchsten ist. Wie passt das zusammen?

Dr. Friedrich Schorb: Die Grenzwerte der WHO haben nichts mit realen Gesundheitsrisiken zu tun. Die Grenzwerte wurden von einem Expertengremium festgelegt, in dem überwiegend Mediziner mit Verbindung zu Pharmaunternehmen saßen. Ziel war von Anfang an, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung zu Risikopersonen zu erklären, um ihnen Abnehmmedikamente verkaufen zu können.

Gewichtsdiskriminierung kann zu Stress führen, das wiederum zu hohem Blutdruck und einem erhöhten Cortisolspiegel. Was macht mehr krank, das Übergewicht oder die Diskriminierung?

Dr. Friedrich Schorb: Ein sehr hohes Körpergewicht, also ein BMI größer 35 bei Männern und größer 40 bei Frauen, ist, abhängig von der Fettverteilung, ein unabhängiger Risikofaktor für viele Krankheiten und dennoch ist auch für diese Menschen die Diskriminierung ein größeres Problem als die medizinischen Folgen im engeren Sinne. Diskriminierung führt zu einer Vielzahl psychologischer Probleme wie Essstörungen, Schlafstörungen, Depressionen, Dysstress etc. die auch physiologische Folgen haben, z. B. einen kritisch erhöhten Cortisolspiegel.

Bei übergewichtigen Menschen fällt Ärzt*innen oftmals die Diagnose schwer. Liegt das am Gewicht der Patienten oder können das auch Vorbehalte/Vorurteile gegenüber den Übergewichtigen sein?

Dr. Friedrich Schorb: Sicher ist es bei bestimmten Diagnosen für Ärztinnen und Ärzte schwieriger dicke Menschen zu untersuchen als dünne. Aber das ist keine Entschuldigung für Fehldiagnosen oder gar die Weigerung dicke Menschen überhaupt zu untersuchen: so nach dem Motto: „Kommen Sie wieder, wenn Sie zwanzig Kilo abgenommen haben“. Es ist ihre Aufgabe die Patientinnen und Patienten unabhängig von ihrem Körper bestmöglich zu versorgen. Es ist nicht die Aufgabe von Patient*innen ihren Körper zu perfektionieren, um Medizinern die Arbeit zu erleichtern. Wichtig und hilfreich für das medizinische Personal wären aber auch eine bessere Ausstattung von Praxen und Krankenhäusern mit dem notwendigen Equipment zur Versorgung dicker Menschen. Das fängt bei Blutdruckmanschetten an und hört bei geeigneten Krankenhausbetten noch lange nicht auf.

Discounter, Lebensmittelgeschäfte, Bioläden … Wir haben vielfältige Möglichkeiten einzukaufen, sind weitgehend aufgeklärt und können uns frei entscheiden. Warum spricht man dennoch von einer „fettmachenden Umwelt“? Ich kann doch als mündiger Kunde selbst entscheiden was in meinen Einkaufskorb wandert.

Dr. Friedrich Schorb: Unsere Möglichkeiten beim Lebensmitteleinkauf hängen eng mit unseren finanziellen Möglichkeiten zusammen und hochkalorische weiterverarbeitete Lebensmittel, die viel Fett und Zucker enthalten, sind deutlich günstiger als z. B. frisches Obst und Gemüse und sie werden viel intensiver beworben. Wohlhabende können auch eher mal ins Restaurant gehen, wo es mehr Auswahl und gesündere Optionen gibt, wenn sie keine Zeit oder Lust haben selbst zu kochen. Menschen mit weniger Geld sind in solchen Situationen auf Fast- und Conveniencefood angewiesen. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass das Körpergewicht nicht allein und in den meisten Fällen nicht mal vorrangig durch die Ernährungsweise beeinflusst wird, sondern durch eine Vielzahl von Faktoren auf die wir wenig Einfluss haben – nicht zuletzt durch unsere Gene.

Achten tatsächlich wohlhabende Menschen oder Menschen mit höherem Bildungsniveau mehr auf ihr Gewicht und ihre Gesundheit? Wenn ja, woran liegt das?

Dr. Friedrich Schorb: Ja, es stimmt schon, dass Wohlhabende seltener hochgewichtig sind und stärker auf ihre Gesundheit achten. Das hat zum einen mit den Lebensumständen zu tun. Was kann ich mir leisten? Was gibt es in meiner Umgebung zu kaufen? Welche Freizeitangebote und Sportmöglichkeiten gibt es? Sind die Straßen abends sicher? Dann hat es aber auch viel mit dem zu tun, was der französische Soziologe Pierre Bordieu als Habitus bezeichnet hat. Der Habitus beschreibt einen schichtspezifischen Lebensstil, den wir alle von Kindesbeinen an unbewusst erlernen. Er wird uns vorgelebt von unseren Eltern, unseren Freunden und unserer Lebenswelt – also den Orten, an denen wir leben und arbeiten. Diese Umgebung ist für Wohlhabende gesünder und anregender als für Menschen mit wenig Geld. Wir wissen aus der Arbeitssoziologie, dass es für die Gesundheit am schlimmsten ist, wenn Menschen im Beruf viel Verantwortung tragen müssen aber keine Anerkennung dafür erhalten. Durch solche Verhältnisse sind vor allem Berufe im Niedriglohnsektor geprägt. Hinzu kommt die körperliche Belastung in vielen dieser Berufe – das erklärt die gesundheitliche Ungleichheit.

Vergessen sollte man allerdings auch nicht, dass es auch eine soziale Abstiegsbewegung im Zusammenhang mit hohem Körpergewicht gibt. Dicke Menschen steigen sozial eher ab. Das heißt, sie finden eher keine Berufe, die ihrem Bildungsstand entsprechen, sie verdienen eher weniger als ihre Eltern. Bei dünnen Menschen verhält es sich genau umgekehrt.

Schaut man sich Top-Manager der Dax-Konzerne an, sieht man kaum mehr die Körperformen typischer Unternehmer der 60iger Jahre. Heute sind alle durchtrainiert und schlank. Gehört es ab einem gewissen Karrierestatus für Männer dazu schlank zu sein?

Dr. Friedrich Schorb: Schlankheit und Fitness sind zu Synonymen für Leistungsfähigkeit geworden. Früher tranken Firmenchefs Weinbrand, rauchten Zigarre und hatten eine Wohlstandswampe. Heute schlürfen sie grüne Smoothies und betreiben Hochleistungssport. In der Gesamtbevölkerung läuft einer von 600 Menschen Marathon, unter den Topmanagern ist es einer von zehn. Von einem Manager wird heute erwartet, dass er in seiner kargen Freizeit seinen Körper optimiert. Man könnte auch sagen: quält. Das soll Disziplin und Leistungsfähigkeit belegen. Meiner Ansicht nach ist diese Körperfixierung Ausdruck eines extremen Narzissmus und Sozialdarwinismus. Die Elite fühlt sich der Bevölkerung heute auch körperlich überlegen. Und was ist die Folge? Die Managergehälter explodieren, während die der Mitarbeiter*innen stagnieren. Das eigene Unternehmen wird ebenso rabiat fit gemacht wie der eigene Körper. Unnötiges Fett wird abtrainiert, unnötige Mitarbeiter werden wegrationalisiert. Mit den Ergebnissen dieser Winner-takes-it-all-Mentalität werden wir täglich konfrontiert: Soziale Ungleichheit, Privatisierung von Gewinnen, Sozialisierung von Verlusten, Raubbau an natürlichen Ressourcen.

Dr. Friedrich Schorb | Foto privat
Dr. Friedrich Schorb | Foto privat

Dr. Friedrich Schorb,

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen. Sprecher des wissenschaftlichen DFG-Netzwerks „Fat Studies. Doing, Becoming and Being Fat“.

 

 

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