Buchtipp | Sterbebegleiterin Johanna Klug

Warum wir mehr über das Sterben reden sollten – Sterbebegleiterin Johanna Klug im Interview

Der Tod ist das Beste was mir passieren konnte, sagt Johanna Klug. Die 27-jährige ist Sterbebegleiterin und Autorin. „Mehr vom Leben“ heißt ihr neues Buch, in dem sie von ihren ganz persönlichen Erlebnissen auf der Palliativ-Station und in der Sterbebegleitung berichtet. Ihr Fazit: Das Sterben gehört zum Leben. Und es wird Zeit, dass wir offener darüber sprechen. Wie wir gerade an Weihnachten besser mit Trauer umgehen können, warum die eigene Wahrnehmung unserer Schönheit auch im Sterben eine Rolle spielt und wie in Afrika dem Tod begegnet wird, erzählt Johanna im Interview mit PlusPerfekt.

Du bist Bloggerin und Sterbebegleiterin, wie passt das zusammen?

Johanna Klug: Ich würde mich erst mal gar nicht als Bloggerin bezeichnen. Vor ein paar Jahren habe ich zwar meine Seite „endlichendlos“ aufgezogen, aber eigentlich war das für mich eher der Weg als das Ziel. Jetzt bin ich beim Bücher schreiben gelandet und fühle mich gerade ganz wohl. Und eigentlich passt das alles doch ziemlich gut zusammen. Ich interessiere mich ja für viele Themen und da ist es doch super, wenn ich mein Wissen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenbringen kann.

Du bist in der Medienbranche zuhause. Hast einen Bachelor in Medienmanagement und einen Master in Digitaler Kommunikation. Nebenbei hast du dich zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen. Zwei Bereiche, die konträrer nicht sein könnten. Wie kam es dazu?

JK: Ja, das ist schon eine sehr gegensätzliche Welt. Aber für mich gar nicht so weit voneinander entfernt. Ich habe sehr schnell zu Beginn meines Studiums gemerkt, dass mich das alles nicht so recht erfüllt. Diese oft inhaltslosen Vorlesungen, viele haben so auf elitär und wichtig gemacht. Diese scheinbar perfekte Medienwelt hat für mich irgendwie nie existiert. Das war alles so fake! Jetzt bin ich ja aber immer noch da drin. Da könnte man fast sagen ich wäre selbst in dem System gefangen, oder? 😊

Aber nein, weil ich glaube, dass es die Medien als Sprachrohr braucht. Wie soll ich sonst andere Menschen erreichen? Wenn ich ständig in meiner Sterbebegleitungsbubble bleibe, führt das leider nicht dazu, dass wir in der Gesellschaft offener über das Thema Sterben und Tod sprechen und denken. Denn das merke ich leider viel zu oft: wir beschäftigen uns erst damit, wenn wir selbst oder andere in unserem engen Umfeld betroffen sind. Zu meiner Anfangszeit auf der Palli (Anm. d. Red. Palliativ Station) wollte ich aber genau das: in dieser Blase sein. Ich wollte unbedingt bei den Sterbenden, den Zugehörigen und den Pflegekräften sein. Da herrscht so viel pures Leben. Das ist nicht oberflächlich und da geht es nicht um Macht und Gier, es geht eben wirklich um die Menschen. Da habe ich mich sehr lange sehr Zuhause gefühlt und fühle mich auch heute noch so. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich wieder den Absprung zurück in die Realität brauche und da habe ich angefangen meine Leidenschaft für die Themen Sterben, Tod und Trauer mit meinem journalistischen Wissen zu verknüpfen.

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Du beschreibst den Tod als dein Lebensthema. Was meinst du damit?

JK: Für mich hat die Beschäftigung mit dem Sterben und Tod zu sehr viel positiven Wendungen in meinem Leben geführt. Nicht nur, dass ich das Leben sehr viel intensiver lebe, mir auch viel bewusster um einzelne Gefühle bin und dadurch enger im Kontakt zu mir, sondern auch, dass ich merke, dass ich andere auch dafür „begeistern“ oder die Angst nehmen kann sich damit auseinanderzusetzen. Erst gestern hat mich mein Papa angerufen, der das Thema wirklich sehr gerne meidet. Aber er hat mein Buch gelesen und war so überwältigt davon. Er hat ganz viel erzählt, welche Geschichten ihn besonders berührt haben und wie sehr er in diese Situationen gezogen wurde. So habe ich ihn vorher noch nie erlebt. Und an solchen Punkten merke ich immer wieder: der Tod ist das Beste was mir passieren konnte. In wirklich allen Lebenslagen.

Welchen Stellenwert hat Sterben und Krankheit in unserer Gesellschaft? Wie erlebst du den Umgang damit?

JK: Naja, da muss man gar nicht viel sagen. Sterben, Tod, Alter und Krankheit ist absolut institutionalisiert. Wir verbannen all das ganz natürlich aus unserem Gesellschaftsbild und damit auch den bloßen Gedanken daran. Mir fällt aber sehr oft auf, dass Menschen gerne darüber reden, wie schlecht es ihnen geht und sich über Krankheit und Leid unterhalten. Für mich hat das alles so unglaublich ambivalente Züge. Einerseits wollen wir dem Alters- und Sterbeprozess keinen Raum geben, verdrängen oft bis zuletzt und doch konfrontieren wir uns oft unterbewusst immer wieder damit. In Serien, Filmen und Nachrichten ist der Tod omnipräsent, aber so weit weg, dass es ja nichts mit uns zu tun hat. Solange der Tod die anderen betrifft und nicht mich selbst, ist es okay. Ich finde in all dieser Diskussion um die Endlichkeit unseres Lebens fällt mir immer wieder auf, wie egoistisch wir eigentlich sind. Eigentlich sind wir keine Gesellschaft, sondern eine Bewegung aus Einzelkämpfern. Die Welt dreht sich nur um den Einzelnen. Wie sollen wir also Mitgefühl und Empathie leben, wenn wir uns selbst nicht mal so begegnen können?

Was würdest du dir wünschen, dass sich in unserer Wahrnehmung / in unserem Umgang ändert?

JK: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit – es sind diese ganz banalen Dinge und dabei ist die Kommunikation wirklich das A und O. Wir sollten uns viel öfter mal zusammensetzen über Oberflächlichkeiten, aber dann auch über intensivere Themen sprechen. Dabei muss das Thema Sterben und Tod ja gar nicht schwer und düster daherkommen. Für mich hat es auch ganz viel Lebensleichtigkeit. Aber wahrscheinlich liegt es auch daran, dass ich eine ganz andere Haltung dazu habe, als viele andere Menschen. Egal wen ich treffe, Freunde oder Fremde, irgendwann geht es immer um das Ende des Lebens. 😊

Johanna Klug im Interview
Johanna Klug (c)Lilli Veneta Berger

In der Weihnachtszeit wiegt die Leere, die ein geliebter Mensch hinterlässt, scheinbar doppelt so schwer. Was kann ich tun, um damit besser umzugehen?

JK: Weihnachten ist in unserem christlich geprägten Land, ein stark ritualisiertes und auf die Familie ausgerichtetes Fest. Was wir nach dem Tod eines Menschen brauchen sind neue Rituale. In der Anfangszeit nach einem Verlust kann es helfen den Tisch für den Verstorbenen mitzudecken. Aber es braucht neue Rituale und einen offenen Umgang. Wenn wir alles so weitermachen wie bisher, ohne den Verstorbenen neu in unser Leben zu integrieren und offen anzusprechen, wird es schwierig werden. Das kann Auswirkungen auf das ganze System haben. Zum Beispiel, dass es öfter Konflikte gibt, weil man alles genauso beibehalten will. Wenn ein Mensch nicht mehr da ist, tut das an Weihnachten oft besonders weh. Eine schöne Möglichkeit ist es auch eine Gedenkkarte an Weihnachten zu schreiben. Für die Menschen, die um jemanden trauern. Dabei ist es ehrlich gesagt ziemlich egal, wie lange der Tod eines Menschen schon her ist. Zu zeigen: ich denke in dem Moment an Dich schafft nochmal eine ganz andere Ebene von Beziehung.

Du hast bei einem Projekt in einem Hospiz in Südafrika mitgewirkt. Gehen Südafrikaner anders mit dem Tod um?

JK: Der Tod eines Menschen ist einfach unbequem, aber es kommt natürlich darauf an, wie wir damit umgehen. In Deutschland haben wir sehr schwere Rituale: die schwarze Trauerkleidung, die leisen Stimmen und herabgesenkten Blicke, den „Leichenschmaus“ (ein schrecklich, veraltetes Wort oder?)

In Südafrika wird jede Beerdigung größer als jede Hochzeit gefeiert. Ein Fest, wo gegessen, getanzt, gelacht und auch geklagt wird. Oft tagelang. Das führt ja auch dazu, dass die Menschen in Südafrika viel gemeinschaftlicher und offener diesen Verlust auf unterschiedlichste Art und Weise betrauern und feiern. Wir gehen dann oft nach Hause und sind alleine. Natürlich können wir die südafrikanischen Traditionen nicht übertragen, aber wir können realisieren, dass es auch anders geht. Und wir können einen neuen Umgang mit unserer Trauer und der Art und Weise, wie wir Menschen verabschieden lernen und in unser Leben integrieren.

Was ist das Wichtigste im Umgang mit Sterbenden?

JK: Sterbende sind Menschen. Und Menschen wollen wahrgenommen, gesehen werden. Darum geht es doch immer. In meinen Begleitungen nehme ich mich zurück, bin ganz bei meinem Gegenüber. Nicht ich entscheide, sondern der Mensch, den ich gerade begleite.

Es darf nicht sein, dass Begleitende sich daran bereichern und sich darüber als „Gutmensch“ definieren. Aber immer da, wo Menschen zusammen arbeiten wird es Machtspiele geben. Die gibt es natürlich auch im Bereich von Sterben und Tod. Genau deswegen müssen wir noch viel achtsamer und aufmerksamer sein, dass so was nicht passiert. Die sterbende Person sollte nie sagen müssen: „Wie gut, dass die Begleitung endlich gegangen ist. Die hat mir so viel Energie gezogen.“

Das Wichtigste ist aber letztlich wirklich offen zu sein. Denn manchmal kann wirklich erst etwas aufbrechen, wenn wir unsere Haltung dazu verändern, uns auf den Moment einlassen und zulassen, was dadurch passieren darf.

Welche Erkenntnisse ziehst du aus der Sterbebegleitung? Was nimmst du für dich mit?

JK: Dass mein Ehrenamt ganz viel mit dem Leben selbst zu tun hat. Wenn nicht ist es ja das Intensivste, weil ich ja direkt an dieser Schnittstelle zwischen Leben und Tod bin. Ich habe für mich gelernt besser hinzuhören und zu spüren: Indem ich mich selbst zurücknehme kann ich einschätzen, was gerade meine eigene Emotion ist oder die meines Gegenübers. Dadurch merke ich viel schneller, was gerade im System passiert. Ich würde nicht sagen ich lese die Menschen, aber ich höre ganz genau auf mein Bauchgefühl und wahrscheinlich ist es doch eine gewisse Menschenkenntnis, die da mit rein spielt. Ich bin viel auf Pallis und im Hospiz, habe aber immer schon auch nebenbei in der Gastro gearbeitet. Wahrscheinlich ist es eben dieser Mix.

Das war natürlich nicht von Anfang an so und natürlich wusste ich vor sieben Jahren auch nicht, wohin mich das Ganze führt. Aber jetzt bin ich hier, mit all diesen Menschen im „Gepäck“, die ich im Sterben begleiten durfte.

In deinem Buch „Mehr vom Leben“ erzählst du vom Wunsch einer älteren Dame auch im Sterbebett schön und gepflegt aussehen zu wollen. Wie wichtig ist Schönheit in diesem Kontext?

JK: Schönheit ist auch einfach ein vielschichtiges Thema. Die äußere und innere Schönheit, eine schöne Figur oder ein schönes Gesicht… ach ja wir streben immer nach Perfektion und zeitloser Eleganz. Altern ist z. B. mittlerweile okay, aber dann schon perfekt: keine Falten, nichts soll hängen …  auch hier schlägt die Perfektion im Alter durch. Im Sterben nimmt das oft eine andere Gestalt an. Mir war es in meinem Buch wichtig eine Brücke zu bauen zwischen den verschobenen Schönheitsidealen und diesen unerreichbaren Ansprüchen, die wir von allen Seiten auferlegt bekommen. Ich meine wie verrückt ist es eine Bikiniwerbung zu sehen, in der sich eine Frau mit bereits glatten Achseln oder Beinen nochmal genau diese Stellen rasiert. Und obwohl so viele Frauen curvy und damit total normal sind, ist diese Körperform in der Werbung immer noch schwierig.

Wenn uns also dieser Schönheitsgedanke schon unser Leben lang begleitet, kann er uns im Sterben doch nicht einfach abgesprochen werden. Anneliese wollte erstens die äußere Fassade wahren, also ihrem Umfeld zeigen: „Mir geht es gar nicht so schlecht“ und zweitens war es ihr aber doch einfach persönlich wichtig auch im Sterben schön zu sein. Sie wollte den innerlichen Verfall nicht nach außen tragen. Auch das ist doch letztlich eine Art und Weise damit umzugehen. Nicht für jeden Menschen ist es so wichtig wie für Anneliese die Haare gemacht und genügend Rouge aufgetragen zu bekommen. Manche möchten sich dann auch einfach gehen lassen oder sind von Operationen oder Therapien „entstellt“ – in den Augen unserer Gesellschaft. Aber hinter all diesen Äußerlichkeiten befindet sich doch die eigentliche Schönheit und das ist auch etwas, was ich von den sterbenden Menschen gelernt habe. Wir sagen zwar immer „es kommt nicht auf die äußere Schönheit an“, aber handeln tun wir doch gegensätzlich. Ich merke, dass ich mich meiner ganzen Haltung verändert habe und über die Jahre auch reifer geworden bin und mich von irgendwelchen doofen ungefragten Kommentaren gar nicht verunsichern lasse. Schönheit ist absolut subjektiv, es kommt nur drauf an, was wir daraus machen.

Hast du Angst vor dem Sterben?

JK: Nein, aber wer weiß schon wie es ist, wenn ich sterbe.

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Johanna versteht es mit Einfühlungsvermögen und lebensfroher Leichtigkeit über das Sterben und den Tod zu schreiben. Ihre Worte regen zum Nachdenken an und helfen dabei sich neu zu justieren. Und ja, es können Tränen fließen und doch lässt einen das Buch nie traurig zurück, sondern tröstet und weitet den Blick für neue Perspektiven.

Prädikat Lesenswert, Christine

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