Selbstwert Aktivistin Dunja Katharina Wermter coacht Curvys und Mehrgewichtige

Selbstvertrauen statt Optimierungswahn: Warum diese Selbstwert Aktivistin Curvys und Mehrgewichtige coacht

„Frauen müssen vor allem eins sein: schön und schlank.“ Trotz Body Positivity-, Diversity- und BodyLove-Kampagnen ist dieses Denken noch immer in vielen Teilen unserer Gesellschaft tief verankert. Dick sein geht oft mit Scham und Schuldgefühlen einher. Das hat innere Blockaden und toxische Denkmuster zur Folge: „Ich darf das nicht, weil ich zu dick bin“, „Ich muss erst abnehmen, bevor ich…“. Diese Gedanken kennen Mehrgewichtige zur Genüge.

Diplom-Pädagogin und Selbstwert Aktivistin Dunja Katharina Wermter möchte, dass Mehrgewichtige ihr Leben selbstbewusst und relaxt in die Hand nehmen. Mit Coaching Plus begibt sie sich auf neues Terrain, möchte ein Tabu in der Beratung brechen, Frauen mit Mehrgewicht einen Safe Space bieten und sie ermutigen, ihre Träume, Wünsche und Ziele umzusetzen.

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Warum brauchen Frauen mit Mehrgewicht ein spezielles Coaching?

Dunja Katharina Wermter: Ich habe festgestellt, dass es Frauen mit Mehrgewicht gut tut, einen sicheren Ort zu haben. Einen sogenannten Safe Space, bei dem sie sich sicher sein können, dass keine alten Wunder aufgerissen oder neue verursacht werden. Frauen mit Mehrgewicht haben häufig die Erfahrung gemacht, dass ihr Gewicht und ihr Körper immer wieder negativ in den Fokus geraten. Ohne dass es dem Gegenüber bewusst sein muss, kann es passieren, dass Äußerungen getätigt werden, die ein schlechtes Gewissen beim Gegenüber auslösen und Scham und Schuld hinterlassen. Das sind ja generell die Themen, die mehrgewichtige Personen quasi Tag für Tag mit sich herumschleppen.

Zudem bin ich natürlich auch durch meine eigene Geschichte sehr sensibel und kann gut einschätzen, welche Stolpersteine dicke Frauen in dieser Gesellschaft zu überwinden haben. Coaching plus bietet einen solchen Safe Space, der durch Vertrauen und Wertschätzung gegenüber diverser Körperformen gekennzeichnet ist.

„Glück ist kein Ziel, sondern eine Art zu leben.“

Werden Frauen mit Mehrgewicht tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt oder handelt es sich eher um eine subjektive Wahrnehmung?

Dunja Katharina Wermter: Nein, das ist keinesfalls eine subjektive Wahrnehmung. Du kannst ja selber mal schauen, wie viele dicke Frauen du kennst, die sich beispielsweise in einer Führungsposition befinden. Oder wie viele mehrgewichtige Frauen in der Schönheitsbranche arbeiten oder in der Politik. Ricarda Lang ist aktuell ein gutes Beispiel dafür, dass Frauen nicht nach ihrem Können, sondern nach ihrem Aussehen und allen voran an ihrer Figur gemessen werden. Aber davon abgesehen gibt es einige Untersuchungen die zeigen, dass explizit mehrgewichtige Frauen die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt sind.

Bei einem Mann ist es dann vielleicht noch der Wohlstandsbauch, aber bei dicken Frauen wird da kein Pardon gemacht. Gerade in Berufen, bei denen du eine Firma repräsentierst, wirst du vermutlich sehr wenige bis keine dicken Frauen antreffen. Es gibt einige Umfragen, die immer wieder zum selben Ergebnis Kommen. Dicken Frauen wird nicht viel zugetraut. Das sieht man ja auch in Filmen. Oder hast du schon mal eine mehrgewichtige Frau in einer Hauptrolle gesehen, die beruflich erfolgreich ist? Vermutlich kaum. (Anm. der Red.: Spontan fallen uns nur die mehrgewichtigen Schauspielerinnen Melissa McCarthy und Rebel Wilson ein, die aber mittlerweile beide abgenommen haben. Und natürlich die Sängerin Adele, deren Gewichtsabnahme von den Fans kontrovers diskutiert wurde.)

Dabei möchte ich hinzufügen, dass Frauen mit Mehrgewicht sehr wohl viel Power haben. Bei vielen Mehrgewichtigen hat es sich eingeschlichen, den „Makel“ mit dem Gewicht durch Leistung zu ersetzen. Von daher sollten Frauen mit Mehrgewicht beruflich keinesfalls unterschätzt werden. Sie sind oftmals bereit, mehr zu geben und zu leisten. Viele sind voller Power, haben eine Menge Energie und verfügen über eine gute Bildung und Abschlüsse.

Body Positivity, Body Love, Selbstakzeptanz und LoveYourself – das sind alles Begriffe, die auf Social Media stark gehypt werden. Was meinst du, wie lange wird es noch dauern, bis diese Themen auch ausserhalb der Social Media Community angekommen sind?

Dunja Katharina Wermter: So langsam haben die Medien Wind davon bekommen. Es gibt immer mehr Werbung im TV mit beispielsweise dickeren bzw. diversen Körpern. Auch einige Frauenzeitschriften springen mittlerweile auf den Zug auf. Ich finde, dass das Thema Einzug in der Gesellschaft erhält. Für mich stellen sich jedoch zwei Fragen. Lässt sich Body Positivity aktuell einfach nur gut vermarkten oder findet tatsächlich ein Umdenken in der Gesellschaft statt?

Bisher halten noch viele an den alten Denkmustern fest. Es sind erstmal nur kleine Schritte, die gegangen werden. Ein gutes Beispiel ist die Mode. Solange ich durch die Städte gehe und ich Glück habe, wenn auch nur eine Boutique meine Konfektionsgröße anbietet, solange kann ich nicht von einer Gesellschaft sprechen, die diverse Körper integriert. Ich kann die Zukunft nicht vorhersagen und hoffe, dass Body Positivity mehr als nur Trend ist.

Nach Expertenschätzung sind in Deutschland über die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer mehrgewichtig. Also die Mehrheit. Warum gibt es dennoch eine so geringe Akzeptanz von Mehrgewichtigen? Und wie kann es sein, dass sich jene im Recht fühlen, die dicke Menschen diskriminieren?

Dunja Katharina Wermter: Ich denke, dass dies in unserer Geschichte begründet ist. Schönheit spielt seit Jahrtausenden eine Rolle in unserer Gesellschaft. Denke man nur an Cleopatra. Die Frau mit der einzigartigen Schönheit. Das Dünnsein wurde irgendwann als Kriterium für Schönheit konstruiert. Die Schönheitsideale haben sich im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt, aber unterm Strich geht es doch immer darum, einen schlanken Körper zu haben. Auch die westliche Medizin mit ihrem einseitigen Blick hat ihren Teil dazu beigetragen, dass Mehrgewicht bis heute sozial sanktioniert wird.

Heutzutage weiß man aus Untersuchungen, dass dick und krank nicht unbedingt miteinander verbunden sind. Ganz davon abgesehen fehlt hier völlig die Frage, warum jemand dick ist. Wir wissen doch längst, dass eine langfristige Abnahme des Gewichts bei der Mehrheit nicht funktioniert. Letzten Endes ist die Diätindustrie auf dieses Pferd aufgesprungen und hat das Dicksein sehr gut für sich als Verkaufsmaschinerie nutzten können. Man könnte auch sagen, es ist wunderbar einen Sündenbock zu haben, der die ganze Schuld auf sich nimmt.

Und das hat ja meiner Meinung nach hervorragend geklappt. Die meisten dicke Leute sind voller Schuld und Scham. Viele glauben bis heute, dass sie schuld daran sind, dick zu sein. Für die psychische Komponente interessiert sich leider kaum jemand. In einer Gesellschaft funktioniert so eine Sündenbockfunktion wunderbar. Das kennen wir bestens aus unserer eigenen Geschichte.

Dr. Friedrich Schorb ist Soziologe und Experte für Gewichtsdiskriminierung. Er sagt in Bezug auf Topmanager: „Schlankheit und Fitness sind zu Synonymen für Leistungsfähigkeit geworden … Von einem Manager wird heute erwartet, dass er in seiner kargen Freizeit seinen Körper optimiert … Das soll Disziplin und Leistungsfähigkeit belegen.“ Kommen damit auf mehrgewichtige Männer die selben Probleme zu wie auf Frauen? Hast du vor dein Coaching-Angebot ggf. auch auf Männer auszuweiten?

Dunja Katharina Wermter: In erster Linie bin ich auf Frauen spezialisiert. Mit den Männern finde ich es zwiespältig, zumal sich gerade die Rollen von Frauen und Männer stark verändern. Ich finde, dass die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten auch an Männern Ansprüche in Sachen Äußerlichkeiten gestellt hat. Stichworte, die hier zu erwähnen sind, sind Sixpack sowie ein trainierter und gepflegter Körper. Der Körper spielt bei erfolgreichen oder jenen Männern die erfolgreich werden möchten, eine Rolle. Insgesamt geraten Männer aber aufgrund ihrer Figur nicht so in den Fokus und werden auch nicht in dem Maße an ihrer Figur gemessen, wie es bei Frauen der Fall ist.

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Geschichtlich gesehen sind Männer nicht so wie Frauen an ihren Äußerlichkeiten bemessen worden. Wobei es für Männer wieder andere Kriterien gibt. Aber das ist ein anderes Thema. Ein Politiker mit einem dicken Bauch wird vermutlich eher weniger damit konfrontiert, dass er erst einmal abnehmen müsse, damit er seine Arbeit gut machen könne. Was aber nicht heißt, dass Männer nicht unter ihrem dicken Körper leiden. Ich glaube, dass auch bei vielen Männern einen Leidensdruck gibt. Aber Männer sprechen eben auch häufig nicht darüber.

Viele emotionale Dinge sind bei Männern ein Tabu. Um noch einmal deine Frage aufzugreifen. Dicke Männer können sich gerne auch an mich wenden, wenn ein Bedarf besteht.

Veranstaltungstipp!
Happy Mini-Workshop „Mein Körper ist genug“

Die Happy Mini-Workshops von Dunja Katharina Wermter wenden sich an mehrgewichtige Frauen, die sich mit ihren Lebensthemen auseinandersetzen wollen. Die Themen Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und ein glückliches und zufriedenes Leben sind zentrale Bestandteile dieser neuen Workshop-Reihe.

Die Teilnehmerinnen lernen bei sich anzukommen, Sicherheit zu gewinnen und ihre aktuellen Verhaltens- und Gedankenmuster zu hinterfragen. Die Workshops bieten einen Safe Space, Raum für Austausch, Raum sich zu erforschen und sich neu zu entdecken. Die Workshops finden regelmäßig mit wechselnden Themenimpulsen online statt. Der Kick-off Workshop ist am 28. September um 18 Uhr via Zoom. Der Titel lautet „Mein Köper ist genug“. Die Teilnahme kostet 28 Euro. Die Anmeldung ist ab sofort möglich unter Happy Mini-Workshop .

Dunja Katharina Wermter, Initiatorin von Coaching Plus
Dunja Katharina Wermter, Initiatorin von Coaching Plus | Foto: Silvana Denker

Dunja Katharina Wermter ist Diplom-Pädagogin und arbeitet als Supervisorin, Coach und Trainerin. Die Selbstwert Aktivistin bietet mit Coaching Plus für Frauen mit Kurven und Mehrgewicht online Coachings und Workshops an. Für PlusPerfekt schreibt sie unter anderem Artikel zu den Themen Curvy Life und Psyche.

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