Stefanie Ludewig bei der Steelevoll Modenschau in einem Outfit von Zoey

Diese Frau wollte schon immer hoch hinaus

Im Schuhschrank von Hobby-Model Stefanie Ludewig stehen die High Heels direkt neben den Sicherheitsschuhen. Ihre große Leidenschaft sind die Dächer der Stadt. Eigentlich wollte sie es direkt nach der Schule ihrem Vater gleich tun und das Dachdecker Handwerk erlernen, doch ihre Eltern sind dagegen. Sie wird Bürokauffrau, aber wirklich glücklich ist sie damit nicht. Mit 20 geht sie schließlich den Weg, der ihr in die Wiege – oder besser gesagt – in die Schubkarre gelegt wurde.

Körperlich arbeiten in schwindelerregender Höhe und das bei Wind und Wetter. Hört sich nicht gerade nach einem Traumberuf für Frauen an. Stefanie, warum hast du Dachdeckerin gelernt?

Stefanie Ludewig: Weil es mir eine Herzensangelegenheit war, wegen der ich auch Umwege gegangen bin. Zudem hat frau von oben die beste Aussicht und du bekommst so auch immer einen etwas anderen Blick auf die Dinge.

Und außerdem bin ich irgendwie in der Schubkarre meines Papas groß geworden. (Auf den Fotos bin ich etwas über zwei Jahre alt.) Dazu die Neugierde hoch aufs Dach zu wollen, welche mir mein Papa dann auch nicht abgeschlagen hat. So hat er mich mit hochgenommen und damit ich nicht runter falle, zur Sicherheit mit meinem Kleidchen an der Dachlatte angenagelt. Doch ich war einfach begeistert und bin die ganze Zeit still sitzen geblieben und habe mir alles angeschaut.

Warst du während der Ausbildung die einzige Frau?

Stefanie Ludewig: Ja leider. Bis vor ein paar Jahren, haben meist nur die Töchter von Dachdeckermeistern sich in die Ausbildung begeben. Doch die Begeisterung für das Dachdeckerhandwerk ist ja nun auch auf andere Mädels und Frauen übergesprungen. Das finde ich so stark.

Wie erging es dir in dieser Zeit? Du warst 20, die anderen Auszubildenden vermutlich 15 oder 16 Jahre alt.

Stefanie Ludewig: Es waren leider sehr oft Kommentare und Äußerungen dabei, die frauenfeindlich waren und auch „unter der Gürtellinie“. Da half echt nur sich nichts anmerken lassen und einfach weitermachen.

Wie war die Reaktion der Ausbilder?

Stefanie Ludewig: Sehr rücksichtsvoll, aber nicht bevorzugend. Auch war die überbetriebliche Ausbildungsstätte Mädelz gewohnt und hatte sich mit extra Umkleidemöglichkeiten auch eingerichtet.

Wie war das für dich in den Anfängen wegen der Kondition? Die Arbeit fordert schließlich Kraft und Fitness.

Stefanie Ludewig: Da bin ich nach Hause gekommen, geduscht und ins Bett. Klar, auch hier gewöhnt sich der Körper nach einer Weile daran, doch hier hieß es sich Unterstützung holen. Somit fing ich an ins Fitnessstudio zu gehen und an meiner Kondition zu arbeiten.

Hast du als Dachdeckerin gearbeitet oder ging es dir darum den Beruf zu verstehen und vom Büro aus zu agieren?

Stefanie Ludewig: Natürlich mitgearbeitet, sonst bekommst du ja die handwerklichen Fähigkeiten nicht. Auch nur so kannst du lernen welche Zeit brauche ich für welchen Arbeitsschritt. Schließlich steht ja am Ende eine Prüfung an, in welcher genau diese Fertigkeiten abgefordert werden.
Das Büro lief auch dazu, je nach der Situation und Gegebenheit.

Der Gesellenbrief war dir nicht genug, es musste noch die Meisterurkunde her. 2011 hat du mit der Meisterschule begonnen. Warst du da auch die einzige Frau?

Stefanie Ludewig: Ja, auch hier bei den ersten Teilen des Meisterbriefes war ich die einzige Frau. Obwohl ich gehofft hatte, gerade bei den allgemeinen Teilen des Meisters, mal nicht die Einzige zu sein.
Schließlich besteht der Teil drei und vier bei allen Meistertitel aus den gleichen Inhalten.

Wie war es mit den anderen Meisterschülern und den Lehrern? Hatten die sich mittlerweile an eine weibliche Kollegin gewöhnt?

Stefanie Ludewig: Für die Lehrer war es nichts ungewöhnliches, ich war ja nicht die Erste, welche sich getraut hat den Beruf des Dachdeckers zu erlernen. Und genau diesen unkomplizierten Umgang, habe ich echt genossen. Somit hat dich mal keiner schief angeschaut. Ich habe eben einfach zum Bild dazu gehört

Wie geht es dir mit dem Meistertitel in diesem männerdominierten Beruf?

Stefanie Ludewig: Auf jeden Fall leicht, da sofort erst mal ein grundsätzlicher Respekt da ist. Und somit auch die Wahrnehmung sofort da ist.

Hat dich diese Weiterbildung auch in deiner persönlichen Entwicklung weiter gebracht?

Stefanie Ludewig: Gefestigt hat mich die Ausbildung, sich auf meine eigenen Stärken besinnen und darauf auch zu vertrauen. Klar habe ich auch einfach Lebenserfahrungen damit gesammelt.

Dachdecker und Mode, das sind zwei Begriffe, die ich spontan nicht miteinander in Verbindung bringen würde. Aber auch hier gehst du ungewöhnliche Wege und warst Model bei einer Plus Size Modenschau. Hast du das Dachgebälk gegen den Runway ausgetauscht?

Stefanie Ludewig: Nein, bisher bin ich dem Dachdeckerhandwerk treu geblieben, wenn jetzt auch nur noch in beratender Funktion. Doch auch hier möchte frau im Business trotzdem modisch gekleidet sein und sich wohlfühlen.

Wenn du dazu noch Mode in Plus Size benötigst wird es wieder schwierig.
Für Business und Co ist es echt schwer etwas Gutes zu finden, das dann auch meinem Alter entsprechend ist. Auch hatten Kleider und ich ein eher gespaltenes Verhältnis, doch dieses ist jetzt wieder geflickt.

Werden wir dich häufiger auf dem Laufsteg sehen?

Stefanie Ludewig: Bisher war dies mehr so ein Reinschnuppern. Aber es hat Spaß gemacht. Ich würde gerne öfters mal modeln, wenn ich dazu die Möglichkeit bekomme, sehr gerne als Wiederholung.

Würdest du deinen beruflichen Weg wieder gehen oder rätst du Frauen eher davon ab typische Männerberufe zu ergreifen?

Stefanie Ludewig: Aber klar doch. Ich bereue meinen Weg nicht.
Abraten würde ich auf keinen Fall. Wer als Frau oder Mädel Lust darauf hat, einfach machen.

Frauen sind eine Bereicherung, auch für die typischen Männerberufe.

Frauen haben einfach oft das bessere Fingerspitzengefühl, welches ein guter Handwerker oder Handwerkerin braucht.

Hast du einen Tipp für Frauen, die sich gerne verändern würden, aber der Mut fehlt?

Stefanie Ludewig: Sich hinsetzen und fragen „Warum“ oder „Aus welchen Gründen“ möchte ich mich verändern. Und es dann tun. Dann wird einen auch nicht der Mut verlassen, wenn Umwege auftauchen. Frau wird diese Wege dann einfach gehen.

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