Nane Seitz von Wundercurves, Online-Marktplatz für Große Größen

Nane von Wundercurves: Auch für den Große Größen Marktplatz ist Corona eine Herausforderung

Es ist der Vorabend der Plus Size Fashion Days 2015 in Hamburg, an dem ich Nane, Co-Founder von Wundercurves kennenlerne. Sowohl PlusPerfekt als auch der Online-Marktplatz für Große Größen Mode, befinden sich in der Startphase und es ist eines der ersten Events für Curvys, das wir gemeinsam besuchen.

Mittlerweile hat sich das Leipziger Start-up rund um die Gründer Nane Seitz und Stephan Schleuss zu einer renommierten Shopping-Plattform für Curvys und Plus Size Frauen etabliert und – ganz neu – eine App entwickelt, die entsprechend der Vorlieben der Nutzerin Outfitvorschläge und Community-Looks in Großen Größen bietet.

Liebe Nane, ich freue mich, dass wir es endlich mal wieder schaffen, für ein Interview zusammenzukommen. Wie ist es euch während Corona als Firma, aber auch als Team ergangen? Es ist spannend mal eure Perspektive als Online-Player zu bekommen.

Nane | Wundercurves: Für uns war und ist die ganze Corona-Situation nach wie vor eine Herausforderung. Klar, wir sind online unterwegs: Vielleicht denkt man pauschal erst mal, dass es uns doch sehr gut ergangen sein müsste. Problematisch waren für uns als Start-up aber zwei Aspekte: Wir hatten große Wachstumsziele, auf die wir mit der kurz vor Corona erfolgten Umstellung zum Marktplatzmodell hingearbeitet haben. So sollte endlich der Sprung raus aus dem Start-up hin zum gesunden, sich selbst tragenden Unternehmen erfolgen. Da wir aber einen Großteil unseres Umsatzes mit dem Thema Event- und Abendmode erreicht haben, bargen all die Lockdowns und Veranstaltungsverbote für uns enorme Einbußen, weil die Nachfrage eingebrochen ist.

Natürlich haben wir versucht, durch Fokus auf andere Warengruppen das Dilemma abzufangen, was aber nicht vollständig gelungen ist – schon alleine deshalb, weil die Kaufkraft geringer war: Gerade in der Anfangszeit haben die Leute ihr Geld zusammengehalten und weniger für Mode und mehr für Beschäftigung zu Hause ausgegeben, verständlicherweise. Neue Geldgeber in den aktuellen Zeiten zu akquirieren ist leider auch kein Leichtes, die ganze Start-up Szene war von der Krise betroffen, auch die Investoren haben sich zurückgenommen. Summa Summarum, die Lage ist für uns nicht leicht und wir haben uns auch noch nicht erholt.
Wir haben das Team im letzten Jahr halbiert und kämpfen mit allem Herzblut dafür, dass es weiter und nach vorn geht. Das Feedback unserer Kunden gibt uns recht: Oft erreichen uns Nachrichten, wie happy die Frauen sind, einen Marktplatz nur für große Größen gefunden zu haben und dass sie wünschten, sie hätten uns schon eher entdeckt.

Die neue Wundercurves App
Die neue Wundercurves App

Auch wir hören immer wieder, dass sich die Lage nach wie vor bei den Modemarken noch nicht beruhigt hat. Gerne würden wir mal einen Blick in das aktuelle Einkaufsverhalten eurer Kundinnen werfen: In diesen Zeiten, in denen nach wie vor Veranstaltungen konstant abgesagt werden und beschränkt sind, was wird in Großen Größen aktuell besonders gern geshoppt?

Nane | Wundercurves: Aktuell zeigt sich ganz klar, dass langsam der Frühling kommt und die Nutzer keine Lust mehr haben, zu warten, und sich jetzt schon mit den Styles für die Übergangszeit ausstatten. Gerade die Nachfrage nach Outdoorhosen und Übergangsjacken, aber auch zu Badeanzügen steigt aktuell, aber auch Denim scheint ein starkes Thema im Frühling zu werden. Im Winter waren Themen wie Sportbekleidung, Dessous, flauschige Styles, aber auch um Weihnachten herum die festlichen Looks hoch gefragt.

Jetzt habt ihr ja schon eine ganze Weile euer Marktplatzmodell etabliert, was hat sich in Bezug auf euer Sortiment getan?

Nane | Wundercurves: Jede Menge! Wir konnten unseren Marktplatz im vergangenen Jahr immer weiter ausbauen und haben einige weitere Wunderpartner in unseren Direktkauf integriert: Mittlerweile kann der Kunde Wunschprodukte von mehr als 100 Marken bei uns versandkostenfrei in einen Warenkorb legen – unserem Traum vom perfekten Shoppingerlebnis für jede kurvige Frau sind wir so ein großes Stück näher gekommen. Mit dabei seit dem letzten Jahr sind jetzt Top-Player wie Sallie Sahne, SAMOON, dänische Marken wie No1 By OX oder Masai, traumhafte Dessous von LingerME oder – auch beliebt – Urban Classics mit ihrer tollen modernen Curve-Linie. Vor allem den Dessous- und Outdoorbereich haben wir stärker ausgebaut, aber auch in den Sortimenten Schmuck, Abendmode und Sportbekleidung hat sich einiges getan.

Unser Insta Shop hat sich immer weiter etabliert. Gerade die Community Looks – egal ob von Influencern oder unseren Kundinnen – und auch unsere zusammengestellten Collagen zu den verschiedensten Trendthemen kommen sehr gut an.

Und es gibt noch ein ganz großes neues Thema bei euch. Magst du uns noch etwas über eure App erzählen?

Nane | Wundercurves: Gerne. Das große Thema der letzten Zeit war eindeutig der Launch unserer App. Jetzt kann unsere große Auswahl nicht nur im Browser entdeckt werden, sondern auch via Mobile App – für uns ein ganz neuer Kanal, um mit unsere Kunden in Kontakt zu treten. Der Fokus der App gegenüber der Website ist ganz klar: Hier geht es vor allem um entspanntes & schnelles Shoppen, praktische Wishlist-Erstellung und einen Fokus auf Look-Shopping.

Die neue Wundercurves App
Shoppen je nach Figurtyp, das ermöglicht die neue Wundercurves App

Was ist das Besondere an derApp?

Nane | Wundercurves: Jetzt mal businessseitig gesehen ist das Besondere: Wir haben uns keine Agentur genommen, kein fertiges Framework gehabt, sondern intern in nur wenigen Monaten alles komplett selbst aufgesetzt und gelauncht. Im Vergleich zu anderen Marken wissen wir, dass es in anderen Häusern für ein solches Projekt oft Jahre braucht. Hier zeigt sich unsere besondere Tech-Kompetenz genauso wie unsere Start-up-Mentalität ganz klar: Wir sind schnell, agil und hören vor allem zu. Von Anfang an konnten die Nutzer direkt in der App Feedback für uns da lassen, mit den Nutzern gemeinsam konnten wir die Funktionalitäten immer mehr verbessern – und es ist auch ein tolles Gefühl für die Kunden, wenn sie sehen, dass ihre Fragen und Anliegen berücksichtigt werden.

Für den Start haben wir uns vor allem auf das reibungslose Ineinandergreifen aller Prozesse konzentriert. Wir bieten unser komplettes Sortiment zum Shoppen an – und das über zwei Wege – entweder klassisch über den Shop oder aber via Look-Shopping. Dabei fokussieren wir uns in der App auf Community-Looks und Collagen, also keine reinen Marken-Kampagnenbilder, sondern wirklich Looks aus dem Alltag oder persönlich zusammengestellt, das wird sehr positiv aufgenommen. Mittlerweile gibt es sogar Outfitvorschläge oder Community-Looks, die wir ausschließlich nur in der App anbieten. Zukünftig soll sich aber hier noch einiges tun: Wir haben Ideen für einige Features, die neben dem Shoppen auch das individuelle Entdecken in den Vordergrund stellen. Vorschläge an Produkten und Looks, die genau auf die Vorlieben unserer Nutzerinnen abgestimmt sind. Eine App, die mit dir gemeinsam lernt, was du magst und was nicht, die dir Vorschläge bietet, die wirklich zu dir passen.

Verena Hamann | Credit: Verena & Wundercurves
Ein Look von Influencerin Verena Hamann erhätlich via Wundercurves App | Credit: Verena & Wundercurves

Was ist in der nächsten Zeit bei euch geplant?

Nane | Wundercurves: Neben den weiteren App-Features arbeiten wir kontinuierlich daran, das Sortiment auszubauen, um auch in jeder noch so kleinen Kategorie der Nutzerin die beste Auswahl zu bieten.

Ein weiteres Highlight ist ein kleines Datenprojekt, dem wir uns gewidmet haben und was wir noch im Frühling veröffentlichen werden. Was uns immer wieder auffällt im globalen Sinne ist das Nicht-Vorhandensein von kurvigen Models in Werbung/TV – generell im öffentlichen Diskurs. Auch wenn man das Gefühl hat, dass sich hier einiges tut, weil Diversity aktuell so groß geschrieben wird und viele Brands sich den Terminus auf die Fahne schreiben, wollten wir prüfen, ob das tatsächlich der Fall ist und haben dafür die großen Modelagenturen Deutschlands verglichen.

Das klingt spannend und es ist toll, dass ihr euch nicht nur auf eine große Auswahl konzentriert, sondern auch versucht auf Missstände aufmerksam zu machen. Ich denke da beispielsweise an eure Scream4Diversity Party mit den „For Sinners, not for saints“ oder der Brand-Index aus dem vergangenen Jahr, mit dem ihr aufgezeigt habt, wie es wirklich um die Vielfalt der großen Größen bei den Top-Marken aussieht. Warum sind euch diese Themen so wichtig?

Nane | Wundercurves: Als wir Wundercurves gegründet haben, war das eigentliche Ziel nicht, unglaublich viel Geld zu verdienen, sondern etwas für mehrgewichtige Menschen in unserem Land zu tun. Wir leben in einer Welt, die nach wie vor voll von Diskriminierung ist und mehrgewichtige Menschen zählen hier auch zu den Betroffenen – und das tief in der Gesellschaft und ihren Strukturen verankert.

Auf das Shopping bezogen, war das Ungleichgewicht greifbar und klar zu benennen: Damals zu Beginn gab es nur einige wenige Shops, die große Größen anboten; im stationären Handel waren die großen Größen in die hinterste Ecke verbannt, während die sogenannten Normalgrößen mehrere Einkaufszentren, Marktplätze, Suchplattformen und größenübergreifende Shops zur Verfügung hatten. Das empfanden wir als extrem ungerecht und wollten mit Wundercurves zumindest im Shopping-Bereich einen Gegenpol darstellen. Zu recht – denn nicht nur wir haben das so gesehen und mittlerweile ist die Auswahl an schicker Mode sehr gewachsen, zumindest online.

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Der stationäre Handel hat diesbezüglich noch einen langen Weg vor sich. Auch wenn wir das Shoppingerlebnis online so fairer gestalten konnten, war uns das von Anfang an nicht genug: Wenn Kunden auch Hilfestellungen zu anderen Themen wollten, haben wir uns nicht gescheut – ob Sportkurse für kurvige Frauen, Tipps fürs Fliegen, Podcasts, Websites oder Lektüre, die weiterhelfen kann – wir haben recherchiert und geholfen und dabei auch gemerkt, wie wichtig es ist, sich gegenseitiges Verständnis entgegenzubringen und an einem Strang zu ziehen.

Wenn wir wirklich alle gemeinsam einen strukturellen Wandel beim Thema Gewichtsdiskriminierung wollen, dann müssen wir immer wieder laut werden, immer wieder für uns einstehen. Es ist essentiell, auch gerade auf Vorurteile immer wieder hinzuweisen, sie auseinanderzunehmen und zu entkräften, auf Missstände aufmerksam zu machen und vor allem aber auch, Mut zu machen und jedem einzelnen zu zeigen: Du bist nicht allein. Wir sind viele. Wir sehen alle, wie lächerlich und realitätsfern diese in den Medien propagierten Schönheitsideale sind und wir widersetzen uns dem allem. Mit dir gemeinsam.

tb
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