PlusPerfekt Talks zur Corona-Krise: Quo Vadis Textileinzelhandel?

PlusPerfekt Talks zur Corona-Krise: Quo Vadis Textileinzelhandel?

Bei sechs, zehn und teilweise sogar zwölf Kollektionen pro Jahr ist Mode fast so verderblich wie Lebensmittel. So manches Kleidungsstück, das binnen vier Wochen nicht verkauft werden kann, schreit förmlich nach Reduzierung, denn schon bald steht die nächste Kollektion oder die neue Ware eines anderen Labels vor der Tür.

Dennoch, große Rabattschlachten wären das Schlimmste, was wir uns in der Corona-Krise gegenseitig antun könnten, und das sowohl online als auch stationär, darin sind sich die Branchenexperten einig, die PlusPerfekt zur digitalen Gesprächsrunde eingeladen hatte. Kreative Wege in Vertrieb und Marketing, Wissenstransfer, aber auch mehr Transparenz im miteinander und vor allem das Verständnis für einander standen im Fokus des ersten PlusPerfekt Talks.

Auch der Textileinzelhandel für Große Größen Mode ist durch den Shutdown und die Maßnahmen im Zuge des Restarts stark bis existenziell betroffen. Bezogen auf den Textileinzelhandel gehen Experten in den ersten vier Wochen nach Wiedereröffnung von einem Umsatzminus von 75 Prozent aus, in den zwei darauf folgenden Monaten von einer Halbierung des Umsatzes zum Vorjahr. Laut Prognosen, wird der Jahresumsatz um 30 Prozent niedriger sein als 2019.

Außergewöhnliche Zeiten erfordern Kreativität

Dass außergewöhnliche Extremsituationen auch neue kreative Maßnahmen hervorbringen können, das beweisen Bianca Ewering-Janßen vom Kurvenhaven in Wilhelmshaven und Andrea Straßer von der Geschenkeschmiede in Denkendorf. Ewering-Janßen, die erst im Herbst ihr Geschäft für Plus Size Mode eröffnet hat, machte während des Shutdowns unter anderem Handy-Führungen durch ihr Ladengeschäft. So, wie eine Kundin durch ihr Geschäft schlendern und nach den neuesten Outfits stöbern würde, zeigte sie in Filmsequenzen ihre Ware und postete diese via Social Media. Zahlreiche Stammkundinnen konnte sie so zum Kauf animieren und auch einige neue Kundinnen dazu gewinnen.

Auch Andrea Straßer nutzt die Sozialen Medien für den Verkauf ihrer Mode. Schon vor der Krise hatte sie mit ihrem Team häufiger über Online Maßnahmen gesprochen, doch es fehlte im Alltag an der Zeit für die Umsetzung. Im Shutdown trat Andrea Straßer kurzerhand selbst als Model vor die Kamera und präsentiert Frühjahrsoutfits aus ihrem Store. Mit durchaus positivem Feedback! Wie sie berichtet, warten nun die Kundinnen schon gespannt auf die nächste Präsentation und auch Damen, die bisher noch nie selbst in der Geschenkeschmiede waren, haben bereits ihren Besuch nach dem Restart (in Bayern) am 27. April angekündigt.

#SupportYourLocals

Neue Wege geht auch der Plus Size Online Marktplatz Wundercurves mit #SupportYourLocals. Geschäftsführer Stephan Schleuss aus Leipzig hat mit seinem Team ein Programm speziell für stationäre Textilhändler im mittleren und großen Konfektionsgrößen-Segment entwickelt. Ab sofort, so der Online-Experte, können diese rein auf Provisionsbasis, ohne technisches Know-How und ohne großen Mehraufwand, ausgewählte Kleidungsstücke oder auch ihre komplette Ware zusätzlich über den Online Marktplatz zum Verkauf anbieten und so ihren Kundenstamm erweitern.

#AmBestenZusammen

Trotz aller Kreativität, für viele sind diese Maßnahmen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Wichtig ist es jetzt zusammenzuhalten und Strategien zu suchen wie wir gemeinsam etwas schaffen“, sagt Sabine Steinhardt. Die Ware der von ihr vertretenen Marke Zoey ist bereits beim Hersteller bezahlt. Der durch den Shutdown bedingte Lieferstopp beim Textileinzelhandel bedeutet für sie ein zusätzliches Zahlungsziel von vier bis sechs Wochen. Dennoch habe sie bisher immer individuelle Lösungswege für ihre Einzelhandelspartner gesucht und gefunden.

Bianca Ewering-Janßen hat bereits jetzt einen Warenansturm, den sie in ihrem Laden nicht präsentieren kann. Und das Problem setzt sich weiter fort. Da das Jahr vor Corona sehr vielversprechend erschien, hat sie bis einschließlich Oktober Ware geordert. Die Inhaberin des Kurvenhavens ist sich sicher: „Ich werde ein Waren- und Liquiditätsproblem kriegen, von dem ich nicht weiß, wie ich es lösen soll. Von daher meine Bitte an die Politik Lösungen zu finden.“

Vergleichbare Befürchtungen kennt auch Volker Wedde. Er ist Bezirksgeschäftsführer beim Handelsverband Bayern und sagt: „Wir haben Branchen in denen wir das Problem nach hinten verlagern und nicht lösen. Ich glaube, dass man sich eingestehen muss, dass man das mit den Verkäufen auch nicht komplett kompensieren kann. Deswegen werben wir jetzt schon dafür, dass zum Beispiel Darlehn nicht komplett zurück gezahlt werden müssen.“ Eine weitere Möglichkeit könnten auch Verlustrückträge aus 2020 ins Jahr 2019 sein, so der Würzburger Experte.

„In der Textilbranche wird intern viel kaputt gemacht. Jetzt auch nach der Krise. Nachlässe auf alles, 30, 40, 50 Prozent, das widerstrebt meinen Grundwerten“, sagt Andrea Straßer. „Ich verkaufe gute Ware zu einem guten Preis und die mag ich nicht nach vier Wochen für 50 Prozent verkaufen. Davon kann ich nicht leben, dann lass ich es gleich.“

Wenn allerdings große Modeshops online mit massiven Preisnachlässen beginnen, lösen sie automatisch eine Art Sog aus. Schließlich ist im Internet der Kunde nur einen Klick vom nächsten Shop entfernt, kommentiert Stephan Schleuss. Selbst der erste Online-Versender, der die Preise reduziert, hat nur kurzfristig etwas davon. Sobald die Anderen mitgezogen haben, ist die Rentabilität für alle im Keller. Umsatz ist zwar wichtig, so die Teilnehmer des PlusPerfekt Talks, aber letztendlich entscheidet die Rentabilität.

Fachliche Unterstützung dazu, wie man die Corona-Krise meistern kann, erhält der Handel beispielsweise unter Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrumhandel.de. Hier gibt es verschiedenste Angebote und Webinare zu Social Media, alternativen Vertriebskanälen und vielem mehr.

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