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Virutelles Model Brenn

Die neuen Influencer: Sind virtuelle Models die Stars von morgen?

Echte Influencer waren gestern. Statt Photoshop und Retusche echter Fotos, geht der Trend in eine ganz neue Richtung. Virtuelle Models sind angesagt. Cameron-James Wilson, der Designer eines der ersten virtuellen Models, spricht mit uns über Nachhaltigkeit und warum er über die Reaktionen auf die Dehnungsstreifen seines ersten virtuellen Plus Size Models so gerührt war.

Virtuelle Models wie Lil Miquela sind längst nicht mehr nur Bits und Bytes. Sie werden für Kampagnen von namhaften Brands wie Burberry, Calvin Klein oder Chanel gebucht, fungieren als Brand Ambassadors oder Marken Testimonials. Wo gestern noch George Clooney Kaffee schlürfte, könnte morgen ein vom Computer generiertes Gesicht bzw. Bild (Computer Generated Imagery – CGI) uns beim Espresso trinken schelmisch zuzwinkern.

Virtuelle Models bestechen durch ein menschliches Erscheinungsbild, Hobbies und oft sogar politischen Einstellungen. Sieht man nicht genau hin, könnte man sie für echte Menschen halten. Shudu, eine junge Frau aus Südafrika … zumindest lautet so ihre Geschichte, ist eines dieser virtuellen Models, erschaffen von Modefotograf Cameron-James Wilson. Der Brite hat mit dem Supermodel eines der ersten virtuellen Models und Influencerinnen geschaffen. Später gründete er die Agentur „The Diigitals“, die ausschließlich virtuelle Models vertritt. Darunter ist auch Brenn, ein digitales afro-amerikanisches Plus Size Model.

Um die CGI-Modells zu erstellen, scannt ihr echte Models beim Posen und erstellt auf dieser Grundlage das 3D-Model. Ist diese Arbeitsweise tatsächlich nachhaltiger als ein normales Shooting?

Cameron-James Wilson: Der Grund, warum wir im Moment reale Models in den Prozess einbeziehen ist, weil es für Shudu’s Follower wichtig ist. Es besteht die Sorge, dass virtuelle Models der Model-Community Jobs wegnehmen könnten. Indem wir also mit echten Models arbeiten, wollen wir zeigen, dass sie das definitiv nicht tut. Und andererseits vereinfacht es aktuell noch die Arbeit mit den Fashion Labels. Nicht jedes Label hat 3D-Versionen seiner Kollektionsteile. Echte Models vereinfachen den Prozess hier immens.

Aber klar, wenn wir uns ganz auf die Nachhaltigkeit konzentrieren wollen, müssten wir die ganze Sache in 3D machen. Das haben wir bereits mit Shudu für Balmain und unserem anderen Model Dani für S Motormagazine getan. Wir haben auch ganze Leitartikel gemacht, die komplett in 3D waren, die dadurch natürlich umweltfreundlicher sind. Wir wollen uns auf eine nachhaltigere Zukunft zubewegen, aber leider werden wir bei der Art und Weise wie wir reale Models fotografieren, Kompromisse eingehen müssen.

Das erste CGI-Model, dass du kreiert hast, war Shudu. Damals warst du noch hauptberuflich Modefotograf. Wie kam es dazu, dass du auf virtuelle Models umgeschult hast?

Cameron-James Wilson: Tatsächlich hat sich das alles sehr organisch entwickelt. Es war nicht so, dass ich mich plötzlich dazu entschieden habe, das jetzt zu machen. Am Anfang schuf ich einige Bilder von Shudu. Das wurde online sehr, sehr populär. Während dieser Zeit habe ich eine separate Seite für sie erstellt. Sie gewann dann noch mehr Follower. In gewisser Weise wurde sie zu ihrem eigenen Wesen. Zu einer eigenen Person. Also gründete ich eine Firma, die auf der Idee virtueller Models basierte und erweiterte nach und nach das Raster der Models in unserem Portfolio. Es gab nie wirklich eine Idee, es waren immer eher Leute, die mich in eine bestimmte Richtung inspirierten.

Mittlerweile hat Shudu bereits 200K Follower auf Instagram. Man könnte sagen, sie ist eine virtuelle Influencerin. Denkst du, dass sich die Anhänger der sozialen Medien bewusst sind, dass sie einem CGI-Modell folgen?

Cameron-James Wilson: Ich versuche, so deutlich wie möglich zu machen, dass Shudu kein echter Mensch ist. Ich poste als ich selbst die Inhalte in Shudu’s Stories. Manchmal sogar Bilder von mir selbst. Ihre Bildunterschriften schreibe ich aus meiner Perspektive. Aber trotzdem gibt es Leute, die kommentieren „Oh, du bist sehr schön“ oder mit ihr sprechen, als ob sie eine reale Person wäre. Manche Leute wissen also trotzdem nicht, dass Shudu nur virtuell ist. Ich tue mein Bestes, um es klarzustellen. Ich denke, das wird auch in Zukunft ein großes Thema sein. Wie wird man erkennen können, ob die Person der man online folgt, wirklich echt oder doch virtuell ist.

Die Technologie schreitet immer weiter voran. Irgendwann werden wir nicht mehr in der Lage sein, das zu unterscheiden. Wie können wir Menschen also in der Lage sein, den Unterschied zwischen Echt und Virtuell zu erkennen? Wie können wir den Menschen mitteilen, dass das Model virtuell ist? Ich glaube daran, offen und ehrlich über diese Dinge zu sprechen. Aber es ist komisch, denn egal wie sehr man sich bemüht das zu kommunizieren … es gibt immer Leute, die es nicht mitbekommen. Im Fall von unseren Models ist es auch wichtig, dass die Follower wissen, dass ich hinter den Accounts stecke und wer ich bin. Es ist so wichtig zu wissen, wem man in den sozialen Medien folgt. Deshalb spreche ich auch öffentlich über dieses Thema.

Es ist sehr, sehr wichtig zu wissen, wem man folgt. Denn die Person, der man folgt, hat eine gewisse Macht über mich. Sie beeinflusst mich mit ihren Äußerungen und Ansichten. Es kann sein, dass sie nicht in meinem besten Interesse handelt und vielleicht unterstützt sie jemanden, den ich sonst nie unterstützen würde.

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Du sagst, wir identifizieren uns stark mit Personen, denen wir auf Social Media folgen. Gerade in Bezug auf Konfektionsgrößen und Body Positivity ist das ein großes Thema. Normalisieren wir durch die Verwendung virtueller Models – mit perfekten Körpern und perfekter Haut – wieder schwer zu erreichende Ideale?

Cameron-James Wilson: Ich glaube, wir sind bereits an diesem Punkt angekommen. Und das ganz ohne CGI-Models, nur durch die Optimierung von Fotos mit Photoshop und Facetune. Ich glaube nicht, dass virtuelle Models uns weiter in die falsche Richtung drängen werden.
Ich persönlich finde es einfacher, etwas anzuschauen und zu wissen, dass es komplett CGI, also komplett „gefälscht“ ist, als einige der

Influencer zu betrachten, die vorgeben echte Menschen zu sein, aber insgeheim Körper, Haut und Gesicht mit Retusche-Apps nachträglich verändern. Sie behaupten zwar, dass die Bilder unretouchiert sind, aber das ist gelogen.

 

Da würde ich mir eben lieber eine 3D-Person ansehen, weil ich weiß, dass sie im Computer generiert ist. Natürlich wird sie perfekt sein. Aber das ist doch leichter zu verstehen als Leute, die versuchen ihre retuschierten Bilder als echt zu verkaufen. Und selbst, wenn sie die Retusche weglassen, haben sie immer noch eine professionelle Friseur, professionelles Make-up, professionelle Beleuchtung und professionelle Fotografie. Die Fotografie echter Menschen kann also noch trügerischer sein als 3D-Bilder. Denn sie täuscht Normalität vor, obwohl sie es in Wirklichkeit nicht ist.

Neben Shudu gibt es mittlerweile auch das Plus Size CGI-Model Bren in deinem Portfolio. Wurde Bren im Auftrag eines Kunden geschaffen, oder war sie eine Reaktion auf die Body-Positivity-Bewegung?

Cameron-James Wilson: Brenn ist entstanden, weil Shudu eine Menge heftige Kritik zu ihrem Körper bekam. Inzwischen haben wir Anpassungen am Shudus Körper vorgenommen, um sicherzustellen, dass die Proportionen nicht zu extrem sind, dass sie mehr wie eine reale Person wirkt.

Aber ich wollte auch einen Charakter schaffen, der zeigt, dass es bei 3D nicht nur um Menschen geht, die 1,80 m groß und sehr schlank sind. Es geht auch um Menschen mit eher durchschnittlichen Körpern, vielleicht mit etwas kurvigeren Formen. Darum habe ich Brenn geschaffen. Ich wollte zeigen, dass man einen Charakter haben kann, der Dehnungsstreifen hat und trotzdem sehr sexy und schön ist.

Viele Dinge, die ich in die Gestaltung von Brenn habe einfließen lassen, sind Dinge, bei denen ich selbst bei mir hadere. Zum Beispiel Dehnungsstreifen. Jeder der ein bisschen fülliger ist, kennt das. Ich wollte zeigen, dass diese 3D-Welt genauso vielfältig sein wird wie die reale Welt. Um die Leute so wissen zu lassen, dass man jede Figur erschaffen kann, die man will. Es geht nicht nur um diese Barbie-ähnlichen Menschen. Es geht um alles. Man kann ein wunderschönes 3D-Model erstellen mit Dehnungsstreifen, Kurven und so weiter. Das kann Hand in Hand gehen.

tb

Brenn wurde wirklich gut aufgenommen. Viele Leute haben sich mit ihr identifiziert. Sie lieben ihre Dehnungsstreifen. Sie fragten, warum sie die Dehnungsstreifen hat und fingen an, sich in ihren Köpfen eine Art Geschichte aufzubauen. Wie zum Beispiel, dass sie vielleicht Kinder hat und solche Dinge. Sie alle begannen, sich in ihrem Kopf eine Geschichte aufzubauen, nur weil sie diese Schwangerschaftsstreifen hatte. Das war mir sehr, sehr wichtig. Und dann wurde sie direkt von Smartcar für ihre neue Kampagne gebucht. Ich hatte sie wirklich nur geschaffen, um vielfältige Schönheit zu zeigen. Und dann wurde sie sofort gebucht.

Es hat mich also irgendwie beruhigt, dass Imperfektionen etwas sind, was die Leute wollen. Die Leute wollen sowohl in der 3D-Welt als auch in der wirklichen Welt mehr Körper und Figuren sehen, mit denen man sich identifizieren kann.

 

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