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Christin Thomsen über Mindfuck & die Grenze im eigenen Kopf

Seit Kurzem lebe ich in Dänemark. Einem Land mit sehr viel Weite, alles scheint hier unbegrenzt auf den ersten Blick. Unendliche Felder soweit das Auge reicht. Eine wirkliche Grenze scheint es nur an dem Punkt zu geben, wo man in das Land rein kommen möchte.
Wenn man nun Parallelen zieht zu seinem Kopf, sieht es da ganz ähnlich aus. Gedanken, Eindrücke kommen rein, müssen aber an der eigenen Grenze im Kopf vorbei. Dort wird entschieden, ob und wie weit Dinge zugelassen und umgesetzt werden oder, ob man sich davon wieder verabschiedet.

In den letzten zwei Jahren habe ich diese Grenze für mich wieder sehr gefestigt. Kritischer als sonst lehnte ich alles ab, was mir zu kurz für meine Beine erschien oder zu ungeeignet für meine Arme. Entschied mich eher für Längen, die mir deutlich über dem lagen, was ich normalerweise gewählt hätte. Am besten alles blickdicht verpackt, nicht zu kurz, nicht zu eng.

Hallo Kartoffelsack.

Woher der Wandel kam? Ich glaube, mit der Diagnose Lipödem fing ich an meinen Armen und Beinen deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken als sie und ich es vorher gewohnt waren. Es waren mit mal nicht mehr nur dickere Extremitäten, mit mal haftete da eine Diagnose daran und das Kind hatte einen Namen. Da waren wir nun also in der Schublade, von dessen Inhalt ich bis dato keine Ahnung hatte.

Dass ich Lipödem schon viele Jahre hatte, sah ich nicht, sehe ich jetzt im Nachgang. Aber ich arrangierte mich irgendwie damit. Nun mit dieser dingfest gemachten Diagnose schwand mein Gefühl langsam, dass ich mich wohlfühlen könnte damit. Dass sich diese Grenze nur in meinem Kopf manifestierte merkte ich nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich beschäftigte mich fortan mit Kompressionsbestrumpfung, Lympfdrainage und Extremitäten, die fortan nie wieder „nur“ Arme und Beine sein würden. Dachte ich. Bis zum letzten Wochenende. Als es mir zum Hals raus hing armgerechte Verstecke zu suchen für ein Abendkleid, dass ich anlässlich der Hochzeit einer Freundin am kommenden Wochenende tragen werde. Nichts war festlich genug und das was passte, passte dann nicht zum Gesamtbild. Und ich fing an zu begreifen, dass ich das Problem in meinem Kopf habe. Einzig und allein dort und das es dort mächtiger ist als es körperlich visuell je sein könnte. In diesem Leben werde ich weder einen anderen Kopf, noch andere Beine oder Arme bekommen. That´s it. Und wenn ich nicht lerne, mich wieder so anzunehmen wie ich bin, wird mich das immer wieder an meine innere Grenze bringen, an der eine kritische Christin steht und argwöhnisch mit dem Kartoffelsack wedelt.

Back to the roots.

Nein, kritisch zu sich selbst zu sein hat noch niemandem geschadet, aber man sollte nie den Blick auf das Wesentliche verlieren. Grenzen sind lediglich eine Station, ein Check, an dem man kurz hält oder auch durchgewunken wird, aber nichts, wo man sich dauerhaft aufhalten wird. Man wird man ihn hinter sich lassen und auf das zu fahren, was einem als weit und unendlich vorkommt. So vieles was es noch zu entdecken oder wieder zuzulassen gilt und Kartoffelsäcke an den Armen und Beinen gehören ganz sicher nicht mehr dazu. Der Sommer kann kommen. Mein Kopf und ich sind dann soweit. 😉 She is back.

Das Headerfoto wurde uns freundlicherweise von Wolkenmädchen zur Verfügung gestellt.

Über die Autorin

Credits: Christin Thomsen
Christin Thomsen

Christin Thomsen, 1982 in Flensburg geboren, aufgewachsen und verwurzelt in Schleswig-Holstein, lebt seit Anfang 2019 mit Hund, zwei Katzen und ihrem Partner in einem kleinen Dörfchen an der Westküste Dänemarks. Sie gehört zu den ersten Frauen, die in Deutschland, England und Frankreich auf den Laufstegen für Plus Size Fashion in Konfektionsgröße 54 zu sehen war. Mit einem gutem Gespür für Styling und Mode folgten Fashion-Beiträge mit Trendsetzung im Plussize Bereich im TV. Auch die Werbung machte sich ihren hohen Wiedererkennungswert zu Nutze. Werbeaufträge für groß angelegte Kampagnen, Talkshow-Einladungen und Interviews für namhafte Magazine und Zeitungen reihten sich aneinander. Im Bereich Catwalk-Training und Choreographie oder als Ratgeberin in Sachen Body Positivity wird ihr Fachwissen gern genommen. Ein aufregendes Kapitel, ein Spagat zwischen Laufsteg und Alltag im Büro.

Christin schreibt ebenso als Autorin gnadenlos ehrlich, aber herzlich für PlusPerfekt zu Themen, die sie bewegen. Und nimmt uns mit in eine Welt, die sich langsam daran gewöhnt, dass es Körperformen außerhalb der Norm und jede Menge Zündstoff gibt, über den wir reden müssen.

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