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Jungbrunnen: Positives Denken statt Anti-Faltencreme

Schieben wir unangenehme Entscheidungen auf oder unterdrücken unsere Gedanken, dann laufen wir Gefahr vorzeitig zu altern. Der so entstehende Stress hindert nachweislich die Zellerneuerung und lässt uns frühzeitig ganz schön alt aussehen.

Das Altern ist ein dynamischer Prozess und kann durch Ernährung, Sport und unsere Gene beeinflusst werden. Dass wir mithilfe der ersten beiden Faktoren bewusst Einfluss nehmen können, dürfte wohl jedem klar sein. Wie dagegen unsere Gene das Altern beeinflussen, schien in Stein gemeißelt zu sein. Unsere Zellen erneuern sich, die Telomere verkürzen sich und im Zuge dessen altern wir. Je kürzer die Telomere, desto älter sehen wir aus und fühlen wir uns. Zugegeben, das allein ist keine brandneue Erkenntnis. Die Beobachtung, dass sich Telomere aber auch wieder verlängern können, schon. Sie führen nicht nur die Befehle unseres genetischen Codes aus, sondern hören auch nachweislich auf unseren Körper.

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Verdrängen und Unterdrücken von Gedanken

Der amerikanische Sozialpsychologe Daniel Wegner stieß beim Lesen der Werke des russischen Autors Leo Tolstoi auf folgendes: „Versuche dir diese Aufgabe zu stellen: Denke nicht an einen Eisbären. Du wirst feststellen, dass dir dieses verfluchte Ding jede Minute aufs neue in den Gedanken umher spukt.“

Wegner testete diesen Ansatz 1994 in zahlreichen Versuchen und erkannte ein wiederkehrendes Phänomen, welches er den ‚Ironischen Prozess‘ nannte. Je mehr wir einen Gedanken vermeiden wollen, desto stärker drängt er sich in den Vordergrund. Laut Experten deutet vieles daraufhin, dass der ironische Prozess auch für Telomere schädlich ist. Wenn wir versuchen stressige oder unangenehme Gedanken zu begraben, kann das – ähnlich dem Eisbär-Versuch – nach hinten losgehen. Statt den Gedanken loszulassen, vergraben wir ihn in unserem Unterbewusstsein und können auf einmal an nichts anderes mehr denken. Das chronisch gestresste Gehirn ist bereits unter Druck – man nennt das eine kognitive Belastung – und tut sich schwer, Gedanken erfolgreich zu unterdrücken. Anstelle von weniger Stress, entsteht mehr. In einer kleinen Studie wurde eine Verbindung zwischen schrumpfenden Telomeren und starker Gedankenunterdrückung nachgewiesen. Statt unangenehme Gedanken zu unterdrücken, sollte man sich lieber mit ihnen auseinandersetzen. Auf Dauer fördert das Resilienz und wir lernen Grübeln als solches zu erkennen. Manchmal ist ein Gedanke auch nur ein Gedanke. Und er geht vorüber. 

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Mit den Gedanken abschweifen

Einfach mal die Gedanken schweifen lassen… Was in manchen Momenten dem Abschalten dient, bildet im Arbeitsalltag ein eher negatives Denkmuster. Die Harvard-Psychologen Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert nutzten eine IPhone-App, um das Entstehen von Glück und Zufriedenheit zu verfolgen. Mithilfe der App fragten sie über tausend Rezipienten, welche Aktivitäten sie gerade ausführten, was gerade in ihrem Kopf vorgeht und wie glücklich sie im Moment sind. Killingsworth und Gilbert fanden heraus, dass wir die Hälfte des Tages mit unseren Gedanken nicht bei der Sache sind. Wir schweifen ab und verlieren uns in anderen Aktivitäten, die wir in dem Moment aber nicht tatsächlich durchführen. Auch eine gedankliche Abwesenheit macht sich mit Unglücklichsein bemerkbar. Negatives Abschweifen – der Gedanke gerade irgendwo anders sein zu wollen – führte zu starkem Unglücklichsein in den darauffolgenden Momenten. Am glücklichsten waren die Leute, die mit ihren Gedanken bei der Sache waren.

Ein  Neugeborenes hat 10.000 Basenpaare

Zusammen mit Eli Puterman beobachteten die Autorinnen 250 gesunde, nicht gestresste Frauen zwischen 55 und 65 Jahren und bewerteten, inwieweit ihre Gedanken abschweiften. Sie stellten zwei Fragen: Wie oft hatten sie in der vergangenen Woche das Gefühl, sich nicht zu 100 Prozent gedanklich auf die derzeitige Tätigkeit zu konzentrieren? Wie oft hatten sie in der vergangenen Woche das Gefühl, während einer Tätigkeit gern woanders zu sein, oder etwas anderes zu machen? Nach Beantwortung der Fragen, wurden die Telomere der Frauen gemessen. Die Teilnehmerinnen, die nach eigenen Angaben die höchsten Werte an gedanklichem Abschweifen hatten, hatten Telomere die um 200 Basenpaare kleiner waren, als die der anderen. Ein Neugeborenes hat 10.000 Basenpaare. Mit 35 Jahren haben wir durchschnittlich noch 7.500 und mit 65 Jahren sind es meist rund 4.800 Basenpaare.

Natürlich ist es nicht immer schlecht abzuschweifen. Oft kommen die besten Ideen, wenn der Kopf gerade in einer anderen Sphäre schwebt. Aber negatives abschweifen, zum Beispiel gedanklich in schlimmen Situationen der Vergangenheit zu verweilen macht unglücklich und führt – sogar trotz Ruhepause – zu erhöhten Stresshormonen.

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Gedanken überzeichnen oft die Realitat

Ob Pessimismus, Abschweifen, Verdrängung oder Grübelei – Negative Gedanken entstehen oft automatisch. Sie überzeichnen die Realität und kontrollieren unseren Verstand. Es ist fast, als binden sie eine Augenbinde über das Gehirn, sodass man nicht erkennen kann, was wirklich um einen herum passiert. Lernen wir unsere Gedanken bewusster wahrzunehmen, können wir schädliche Denkmuster frühzeitig erkennen, ohne uns von ihnen dominieren zu lassen. Aktivitäten, die unser Bewusstsein fördern sind Meditation, sowie geistiges und körperliches Training. Lange Spaziergänge, morgendliches Schwimmen oder Langstreckenlauf sind nur ein paar Beispiele. Ein gesteigertes Bewusstsein für unsere Gedanken stärkt unsere Stress-Resilienz. Mit etwas Zeit begegnet man seinen eigenen problematischen Gedanken mit Klarheit und Ruhe.

Ein wirklich großes Geheimnis des menschlichen Verstandes: Wir müssen nicht alles glauben, was uns unsere Gedanken vorgaukeln. Oder, wie es auf den Autoaufklebern steht:
Glaub nicht alles, das du denkst.

Zu Teil 1 unserer Serie
Think Positive: Warum dich negatives Denken schneller altern lässt

Buchtipp!

‚Die Entschlüsselung des Alterns: Der Telomer-Effekt‘ von Prof. Dr. Elizabeth Blackburn und Prof. Dr. Elissa Epel. Das Buch ist im März 2017 im Mosaik Verlag erschienen.

Prof. Dr. Elisabeth Blackburn erhielt 2009 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Sie ist weitreichend für ihre Forschungen im Bereich Telomere und Telomerese bekannt. Auch Prof. Dr. Elissa Epel beschäftigt sich mit Telomeren und dem Prozess des gesunden Alterns. Sie ist Professorin an der University of California in San Francisco.

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