Britta, Denise, Sabrina & Janine | Foto: Melanie Grabowski

Nachgefragt: Was genau ist ein Lipödem?

Oft werden Frauen mit Lipödem nur belächelt, die Krankheit bei Untersuchungen von den Ärzt|innen nicht erkannt. Sie erhalten immer wieder Ernährungs- und Bewegungstipps, dabei sind sie oft schon Expertinnen in Sachen Diät und werden trotzdem an ihren Problemzonen immer dicker.

PlusPerfekt sprach mit Daniela Fleischmann. Sie leidet selbst unter Lipödem, kennt den täglichen Kampf von Lipödem-Patientinnen gegen Vorurteile und ist Initiatorin des Lipödem Buchs.

Daniela, was ist ein Lipödem?

Anders als es die Bezeichnung Lipödem vermuten lässt, handelt es sich nicht um ein Ödem. Also es ist keine Ansammlung von Flüssigkeit. Nein, bei der chronischen Krankheit Lipödem handelt sich um eine krankhafte Fettverteilungsstörung. Das Fett beginnt an bestimmten Körperteilen an zu wuchern. Es bildet sich knotiges Unterhautfettgewebe. Anders als beim Übergewicht, wachsen die betroffenen Fettzellen nicht nur an, sondern sie verändern ihre Struktur. Dadurch entsteht ein grobknotiges Erscheinungsbild, wie bei einer sehr starken Cellulite. Diese Knoten sind gut tastbar, allerdings bei Berührung sehr schmerzhaft. Die Haut wird an den betroffenen Stellen schlechter durchblutet.

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Durch die Fettzellenvermehrung wird das Gewebe schlechter mit Sauerstoff versorgt und somit ist eine Gewebeschädigung nicht aufzuhalten. Es entsteht ein chronischer Entzündungsprozess und somit Schmerzen. Lymphflüssigkeit kann nicht abtransportiert werden. Das typische Druck- und Spannungsgefühl kommt hinzu.

Das krankhafte Fett ist diät- und sportresistent. Wenn es da ist, ist es da. Deswegen ist es zu versuchen, die Entwicklung weiteren Fettes einzudämmen.

Bei den meisten Patientinnen beginnt das Wachstum des Fettes am Unterkörper. Oft erkennt man erstmal die typischen Reiterhosen. Die Beine werden immer dicker, es entstehen sogenannte Säulenbeine, da die Unterschenkel genauso dick werden können wie die Oberschenkel und so die Optik einer Säule entsteht. Im Gegenzug dazu bleibt der Oberkörper schlank, der Körper ist unproportional. In späteren Stadien greift das Fett allerdings auch die Arme an und als nächstes dann auch andere Körperteile. So ist ein Lipödem im Gesicht oder am Bauch zwar noch nicht erwiesen, betroffene Patientinnen vermuten dies allerdings.

Maßgeblich sind Frauen von der Krankheit betroffen, allerdings gibt es in seltenen Fällen auch männliche Patienten. Auf Grund von hormonellen Behandlungen durch Medikamente können auch Männer an dieser schrecklichen Krankheit leiden.

Schrecklich ist diese Krankheit vor allem auch deswegen, weil sie verkannt wird, leider auch von den meisten Ärzten. So werden Patientinnen mit der Vermutung krank zu sein, oft nur belächelt und nicht für voll genommen. Die Ernährungs- und Bewegungstipps sind unzählig und treiben die Frauen oft in eine Unsicherheit sich selbst gegenüber, ja oft sogar in eine Depression.

Wenn man selbst keine Macht hat etwas zu ändern am eigenen Körper, andere dir das aber immer weiß machen möchten, ist es schwierig an sich zu glauben.

Gerade Lipödem-Frauen sind Expertinnen in Sachen Diäten, da sie meist schon alles versucht haben und trotzdem immer dicker werden.

tb

Der psychische Aspekt sollte bei dieser Krankheit nicht außer Acht gelassen werden. Denn oft ist es so, dass Lipödem-Frauen gar nicht mehr teilnehmen am täglichen Leben und sich lieber zu Hause verstecken. Ein Schwimmbad-Besuch ist für viele vor Scham schier undenkbar. Schließlich ist diese Krankheit für Außenstehende nicht ersichtlich und man wird als „die Dicke die zu viel frisst“ angesehen, ist ja auch einfach.

Woher kommt das Lipödem?

Abschließend ist diese Frage noch nicht geklärt. Allerdings scheint es wohl sicher zu sein, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Oft finden sich in Familien mehrere Generationen an Lipödem-Frauen, wie etwa Schwester, Mutter, Tante, Oma. Nur früher waren die Omas halt „dick und gut genährt“. Sie können das Lipödem also schlichtweg geerbt haben.

Vermutet wird der Ausbruch der Krankheit bei hormonellen Veränderungen. Wie etwa Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahre, aber Anti-Baby-Pilleauch durch medikamentöse Einflüsse wie die Anti-Baby-Pille. Das Lipödem kann sich in Schüben entwickeln oder aber auch schleichend. Die Proportionen des Körpers passen nicht mehr zusammen und der Leidensweg beginnt. Gerade in jungen Jahren ist es dann schwierig, wenn man nicht mehr dem Schönheitsideal entspricht und so beginnt der Diäten-Kreislauf.

Sollte bei dir die Veranlagung zum Lipödem da sein, da deine Mutter eventuell am Lipödem leidet, kannst du versuchen einen Lipödem-Schub zu vermeiden. Du solltest auf die Pille oder andere Hormonpräparate verzichten, Gewichtsschwankungen verhindern oder dich überhaupt sehr viel bewegen und dir einen Sport suchen der zu dir passt und Freude bringt.

Wie wird das Lipödem unterteilt?

Es gibt drei Stadien vom Lipödem.

Stadium I:
Rein äußerlich mit einer beginnenden Orangenhaut zu vergleichen. Auch in diesem Stadium können bereits Schmerzen auftreten.

Stadium II:
Hautoberfläche ist uneben und wellenartig, Gewebe ist grobknotig.

Stadium III:
Umfang vermehrt sich, das Gewebe ist grobknotig und schlecht durchblutet. Wammenbildung an Knien, Knöcheln, Ellenbogen, Handgelenken.

Bei allen Stadien kann sich zusätzlich ein Lymphödem entwickeln, wenn das Lipödem zu lange unbehandelt bleibt. Es muss nicht zwingend sein, dass sich aus einem Stadium I ein Stadium III entwickelt.

Zu den Stadien wird noch in vier Typen unterteilt, je nachdem welche Körperpartien betroffen sind.

 

Alle Fotos: Melanie Grabowski

Lesetipp: Das Lipödem-Buch

Das Lipödem Buch
Das Lipödem Buch

Erschienen im Scout-Medien Verlag unter der Mitarbeit von Dominik von Lukowicz, Anna-Theresa Lipp, Ruth Leitenmaier und Michael Sauter. Das Lipödem Buch ist sowohl im stationären Buchhandel als auch online erhältlich und kostet 29,80 Euro.

 

 

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