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Miyabi Kawai im Interview: Wir müssen aufhören, Frauen über den Körper zu definieren

Credits: PlusPerfekt

Warum werden Frauen so oft über ihr Aussehen und ihren Körper definiert? Wer ist schöner, wer ist schlanker, wer ist zu dick? Sprechen wir da nicht über das falsche Thema? Sollten wir uns nicht vielmehr dafür interessieren, was die Frau gerade macht, was sie erreichen will, ob sie ein Projekt hat? Das kann ja auch etwas Profanes und dennoch sehr Spannendes sein.

PlusPerfekt sprach mit Miyabi Kawai. Sie ist Stylistin und Modedesignerin, unter anderem bekannt als Buchautorin und durch ihre TV-Sendung „Schrankalarm“. Zusammen mit der Journalistin Paula Lambert ist sie prominentes Gesicht der Sheego-Kampagne #nobodyisthesame.

Im Zuge des Kampagnen-Shootings führten wir mit Miyabi ein tiefsinniges Interview über Frauen, Zukunftspläne und das Plus Size Segment, in dem noch so viel zu tun ist.

Kleider machen Leute. Stimmt das heute mehr denn je?

Miyabi Kawai: Kleider machen Leute. Auch früher schon. Früher hat man Kleidung natürlich neben der Gebrauchsbekleidung viel mehr dazu benutzt um den Status zu zeigen. Das hat sich nicht wirklich verändert. Man will sich jetzt nicht mehr unbedingt zeigen als „Ich bin vom Adel“ und so weiter. Trotzdem drücken wir über Kleidung sehr viel über unsere Persönlichkeit aus. Aber jeder kann lesen wie der andere sich fühlt, aufgrund dessen was er trägt: Kaschiert derjenige? Zeigt er sich? Geht er sehr nach vorne mit seiner Bekleidung? Drückt er seine Persönlichkeit aus? Ist jemand im Frieden mit sich? Das kann man in Kleidung durchaus lesen.

Spannend! Ich werde also künftig noch kritischer in den Spiegel schauen.

Miyabi Kawai: (Lacht) Nicht kritischer! Bitte entspannter.

Du bist Stylistin und Modedesignerin. Bei all den Beratungen, die du bisher geführt hast, gibt es da einen Styling-Fehler, der dir immer wieder unterkommt?

Miyabi Kawai: Einen klassischen Styling-Fehler würde ich gar nicht so benennen wollen. Mein Ansatz beim Styling ist eigentlich: Styling muss authetisch sein. Ich glaube, der für mich größte „Fehler“ ist, wenn ich erkenne, jemand fühlt sich nicht wohl in seinen Sachen, weil er etwas trägt von dem er denkt: „Das ist jetzt Trend, das muss ich tragen. Aber das bin ich nicht.“ Das würde ich vielleicht als Fehler vom Gedankengang bezeichnen. Man sieht es jemandem einfach an, ob derjenige authentisch ist mit dem was er trägt oder nicht. Ansonsten ist es, glaube ich, einfach nur Geschmackssache. Ich könnte natürlich rein technisch helfen und sagen, dass bestimmte Schnitte mehr für dich tun würden oder bestimmte Farben wären besser für dich, aber ich bin kein Freund von No-Gos.

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Es hat sich im Bereich Plus Size Mode viel getan. Die Anbieter geben sich Mühe, aber nichtsdestotrotz sind viele Kundinnen noch unzufrieden. Gibt es etwas, das du den Anbietern sagen könntest? Tipps, das müsstet ihr noch anders machen.

Miyabi Kawai: Die ganze Plus Size Branche wächst ja auch mit den Bedürfnissen und auch dem wachsenden Selbstbewusstsein der Plus Size Frauen, was ich ganz toll finde. Wir emanzipieren uns ein bisschen. Ich bin immer noch kein Freund davon, dass Plus Size und Straight Size so getrennt wird. Es mag unterschiedliche Bedürfnisse geben, aber eigentlich ist doch der Wunsch einer Frau mit etwas mehr genauso modisch, genauso modern, genauso jung und vor allen Dingen in so einer großen Vielfalt Sachen vorzufinden, die man tragen kann. Da muss noch viel passieren im Plus Size Segment, dass da vielleicht auch modischere, mutigere Sachen angeboten werden. Allerdings muss so eine Branche auch mit dem Mut der Kundinnen wachsen. Es gibt noch viel zu tun: In der Wahrnehmung, aber eben auch in Passform und Design. Ich glaube, das ist eine spannende Aufgabe, die man gemeinsam angehen muss. Kundinnen sowohl als auch die Anbieter.

Viele Trends und Styles kommen auf der Straße gar nicht an. Man sieht es zwar in den Ladengeschäften und im Katalog, aber auf der Straße eben nicht. Was muss sich da im Mindset der Curvys noch tun?

Miyabi Kawai: Ich glaube ein Grund, warum man bei Plus Size Labels wirklich nur in den Modespitzen tatsächlich auch modische Artikel findet, ist, weil es sich einfach noch nicht so gut abverkauft wie die klassische „Kaschiermode“. Wir müssen als Kundinnen so vorangehen, dass wir unseren Wunsch viel mehr zum Ausdruck bringen, dass wir modisch sein wollen, dass wir nach außen gehen wollen und, dass wir eben nicht nur primär kaschieren wollen, damit der Markt reagiert. Der hängt ja immer ein bisschen hinterher. Und das ist genau der Punkt: Wenn man es auf der Straße noch nicht sieht, zeigt das, es wird nicht gekauft. Und dann ist ein Label auch wieder vorsichtig so etwas überhaupt zu produzieren. Das muss Hand in Hand gehen. Und dass fängt, glaube ich, mit Repräsentation an. Mit Vorreiterinnen, genauso wie bei Mode generell. Es muss Trendsetter geben, die sich das trauen. Die auf die Straße gehen oder, die eben bloggen oder etwas auf Instagram posten. Dann muss sich generell das Auge daran gewöhnen. Vor allen Dingen das der Kundin, also von einem selbst. Dass man das auch wahrnimmt als „Stimmt, das geht wunderbar! Ich hab zwar überall ein bisschen mehr dran, aber Mode sieht irgendwie toller aus als ein Sack.“ Und dann muss ich es noch kaufen. Und dann wird, glaube ich, jedes Label relativ schnell nachziehen und sich mehr trauen, in größeren Auflagen produzieren und auch mehr nach außen gehen. Natürlich ist eine Kampagne und Werbung da auch ein ganz wichtiger Schritt von den Plus Size Labels, um zu zeigen: Wir haben das. Und schaut mal, es sieht toll aus! Ich finde den Weg, den Sheego hier gerade geht, super. Weil sie eben nicht nur Models anziehen, auch nicht nur Plus Size Models, sondern eine ganz große Bandbreite an Frauen: Kundinnen, Mitarbeiterinnen aber halt auch Bloggerinnen oder – wenn man so will – Prominente.

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Kommen wir mal zu Body Positivity und Selbstakzeptanz: Ashley Graham wird gefeiert, alle finden sie toll. Wenn aber eine etwas fülligere Frau in einem auffälligen Kleid zu einer Veranstaltung geht, erntet sie, sind wir mal ganz ehrlich, nach wie vor nicht unbedingt wohlwollenede Blicke. Was meinst du, wie lange wird es noch dauern bis die Toleranz endlich da ist, das akzeptiert wird?

Miyabi Kawai: Ich könnte da jetzt keine genaue zeitliche Prognose stellen. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg und es wird für uns alle gefühlt langsamer passieren, als wir es uns wünschen würden. Das darf uns aber nicht aufhalten. Eine Ashley Graham wird zwar in den Medien sehr gefeiert, aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie auch in der Öffentlichkeit und auch zum Beispiel in Kommentaren sehr viel Negatives abkriegt. Das heißt, ihre Außenwirkung ist nicht unbedingt eine andere als die einer Frau, die auf ein Event geht und da vielleicht diese Blicke erntet. Wir sind leider noch nicht so weit, aber Frauen wie Ashley Graham und andere ihrer Kolleginnen, sind deswegen so wichtig, weil das Auge der Gesellschaft sich daran gewöhnen muss. Es ist eigentlich schlimm das zu sagen, aber es muss sich daran gewöhnen, dass es diese Frauen gibt und, dass sie sich nicht länger verstecken. Ich bin immer ein bisschen zwiegespalten zwischen: Warum müssen sich auf einmal alle Curvy Frauen in Bikini zeigen und ausziehen? Warum ist curvy immer gleich sexy? Denn wir sind viel mehr als das. Ich bin aber doch zu dem Punkt gekommen, dass ich das eher entspannt sehen will. Erstmal gehen wir nach vorne und zeigen uns. Und mit einem Bikini hast du mehr Aufmerksamkeit als mit einem Casual Dress. Und die Aufmerksamkeit brauchen wir. Um das Auge umzuschulen, um darüber zu sprechen, um Diskussionen anzustoßen, um ein Umdenken überhaupt zu iniziieren. Deswegen sollen sie alle in den Bikinis nach vorne gehen und wir Frauen, die zum Beispiel in einem Kleid auf ein Event gehen und trotzdem noch die Blicke kassieren, wir müssen selbstbewusst und standhaft bleiben und vor allen Dingen die Selbstliebe und die Selbstakzeptanz in uns selbst finden. Wenn wir sie finden, dann strahlen wir das auch aus und wir können solche Blicke auch ganz gut aushalten.

In vielen Medien wird gerade das Thema Plus Size, Curvy, … sehr gehyped. Aber in genau diesen Medien sind Protagonisten und Protagonistinnen nach wie vor auf diesem Schlankheitstrip, nehmen ab und werden dann in diesen Medien auch wieder dafür gefeiert. Total skurril. Kannst du das nachvollziehen?

Miyabi Kawai: Es ist eine schwierige Geschichte. Wir wollen einerseits, dass Plus Size mehr Akzeptanz findet und medial mehr repräsentiert wird. Body Positivity und Self Love hat aber viel mit Solidarität und Unterstützung von außen zu tun. Das muss natürlich von innen kommen, aber die Unterstützung muss auch von außen kommen. Und ich glaube, das Wichtigste ist eigentlich nicht, ob eine Frau curvy ist und die andere ist schlank oder, dass wir mehr curvy sehen müssen und weniger schlank. Wir müssen uns einfach sagen, dass Frauen, beziehungsweise Menschen generell, so unterschiedlich, so divers sind und daran müssen wir uns gewöhnen. Nicht, dass es einfach mehr Plus Size gibt. Dementsprechend müssen wir auch aufhören, Frauen über den Körper zu definieren. Das ist ein viel größeres Problem als, dass zum Beispiel curvy noch weniger  Stand in den Medien hat als eine schlanke Frau. Wenn wir die ganze Zeit immer nur darüber sprechen, ob die Frau gerade abgenommen hat, zugenommen hat, schlank ist oder eben nicht, dann reden wir eigentlich über das falsche Thema. Uns sollte interessieren: Was macht die Frau gerade? Was hat sie geschafft? Was hat sie erreicht? Was tut sie für die Gesellschaft? Oder eben auch das Projekt, das sie gerade macht. Das kann ja auch etwas ganz profanes sein. Aber es geht immer um das Aussehen und es geht immer um den Körper. Ich glaube, wir sind ein ganzes Stück weiter, wenn das gar nicht mehr Thema ist. Wenn es einfach nicht mehr heißt: „Wir brauchen mehr Plus Size in den Medien.“ Oder: „Oh Gott, sie hat jetzt abgenommen und jetzt hat sie die Sache verraten.“ Nein hat sie nicht. Sie ist immer noch ein Mensch und es kann so viele Gründe geben. Es ist nicht immer nur: „Ich habe mich jetzt dem Modediktat gebeugt.“ Das aber auch zu thematisieren finde ich eigentlich schon frech, denn dann sprechen wir wirklich nur über das Äußere und wir Frauen sind sehr viel mehr als unsere Körper.

Du bist Stylistin und Modedesignerin und bewegst dich sehr viel im Plus Size Segment. Wäre das nicht eine tolle Idee, eine Myabi Kawai Kollektion? All Size oder Plus Size?

Miyabi Kawai: Eine Myabi Kawai Kollektion wäre mein absoluter Traum! Und schön, dass du das anstößt! Ich bin kein Typ, der sich aufdrängt. Also ich komme nicht an und sage: „Das müssen wir jetzt mal machen.“ Aber gefühlt auf jeden Fall. Ich finde, das ist auch nur eine logische Konsequenz im Laufe meiner Arbeit. Erstens habe ich das ja mal gelernt und zweites habe ich auch in der Zeit, in der ich jetzt in diesem Bereich viel tue, sehr viel gelernt. Ich würde mit Begeisterung eine All Size Kollektion machen. Das hat gewisse Ansprüche und ich habe Respekt davor. Ich habe es aber auch satt Plus Size Kollektionen zu sehen – gerne auch Kooperationen mit Stars – aus denen man leider lesen kann, dass es kein Verständnis für den weiblichen Körper gibt. Schlank ist natürlich einfacher anzuziehen. Das ist ja der Grund warum das eben auch überall viel mehr zu sehen ist. Wieder nur auf Plus Size zu gehen, ist, denke ich, auch irgendwie schade. Inclusive. Das ist ein Weg, den ich gerne gehen würde. Ich würde aber auch durchaus erstmal mit Plus Size anfangen, um da mal ein bisschen aufzuräumen und zu zeigen: Wir Frauen mit Kurven, wir können durchaus modisch! Und vor allem unsere Körper auch zeigen.

Dann ist der Schritt mit der Markenbotschafterin ja schon ein Schritt in die richtige Richtung! Wir sind gespannt was uns noch erwartet! Also wir würden uns freuen.

Miyabi Kawai: Ich mich auch!

Vielen, vielen Dank für das Interview!

Myabi Kawai: Sehr gerne!

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